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Salzburger Festspiele : Wale im Fluss der Zeit

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Die Solistes XXI unter Rachid Safir Bild: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Lange stand Komponist Gérard Grisey im Schatten von Pierre Boulez. Jetzt wird er in Salzburg geehrt und gefeiert. „Zeit mit Grisey“ lautet der Titel einer Reihe aus acht Abenden.

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          Obwohl er zu Frankreichs bedeutendsten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts zählt, stand Gérard Grisey immer im Schatten von Pierre Boulez, der seine internationale Tätigkeit als Dirigent auch zur Verbreitung eigener Werke nutzen konnte. Umso erfreulicher, dass die Salzburger Festspiele dem Schaffen Griseys, der am 11. November 1998 im Alter von 52 Jahren unerwartet an einem Aneurysma verstarb, einen eigenen Zyklus widmen: „Zeit mit Grisey“ lautet der Titel dieser Reihe aus acht Abenden. Sie ist die erste große Grisey-Retrospektive in Österreich seit der kleinen Personale beim Festival „Wien modern“ im Jahr 2000.

          Mittlerweile bei der Halbzeit angelangt, lässt sich eine höchst erfreuliche Zwischenbilanz ziehen. Durch die kluge programmatische Konzeption wird nämlich ein weiter Horizont aufgerissen: Sinnvolle Kombinationen mit Musik von Olivier Messiaen, einem der Lehrer Griseys, oder von Giacinto Scelsi, dessen mikrotonales Komponieren Grisey maßgeblich inspirierte, sind ebenso zu hören wie Werke von Zeitgenossen wie Tristan Murail oder Claude Vivier, die gleichfalls auf Prozesse des sinnlich erfahrbaren Klangs und weniger der abstrakten Konzeption konzentriert sind. Sogar Konfrontationen mit Alter Musik gibt es bei den überwiegend in der Kollegienkirche gespielten Konzerten: Johannes Ockeghems „Missa pro defunctis“, ein Meisterstück der Renaissance-Polyphonie, von den Tallis Scholars außerordentlich homogen gesungen, fügt sich glänzend zu Griseys Requiem „Quatre chants pour franchir le seuil“; Monteverdis „Ecco Silvio“ aus dem fünften Madrigalbuch ergänzte „Les Chants de l’amour“, hervorragend interpretiert von den Solistes XXI unter Rachid Safir.

          Griseys Komponieren wurzelt zweifellos in Messiaens Technik, selbstgebaute Modi zu verwenden: Skalen, die nicht auf den zwölfstufigen Tonleitern und deren Dur-Moll-Charakteristika basieren, sondern von einer Ganztonleiter ausgehen, die in sieben unterschiedlichen Ausprägungen auf je verschiedenen Stufen mit Halbtonschritten versetzt wird. Radikalisiert wurde diese Abkehr vom tonalen System durch eine in den 1970er Jahren um das „Ensemble l’itinéraire“ entstandene Gruppe von Komponisten, der neben Grisey auch Hugues Dufourt, Michaël Levinas und Tristan Murail angehörten: Die Materialgrundlage ihres Komponierens bildet gleichsam das Innere der Klänge, bilden die Spektren der von diesen ausgehenden Obertonreihen, die mit Hilfe des Computers genau berechnet werden.

          „Liminales Komponieren“

          Hugues Dufourt hatte 1979 in einem Aufsatz die Werke, die auf diesem Verfahren beruhen, als „Musique spectrale“ bezeichnet. Grisey selbst erläuterte dies so: „Die verschiedenen Prozesse, die bei der Veränderung eines Klanges in einen anderen oder einer Klanggruppe in eine andere auftreten, bilden die eigentliche Basis meiner Schreibweise, die Idee und den Keim jeder Komposition.“ Er selbst bezeichnete sein Arbeiten gerne als „liminales Komponieren“, denn gerade die Grenz- und Schwellenwerte des Hörens erschienen ihm besonders interessant. Jedenfalls bildet das Spektrum eines Klangs nicht nur den Ausgangspunkt seiner höchst sinnlichen Kompositionen, sondern bestimmt sogar deren Form.

          An die Schwelle unseres Wahrnehmungsvermögens führen etwa „Jour, contre-jour“ für elektronische Orgel, dreizehn Musiker und Vierspur-Tonband (1979) oder „Stèle“, ein 1995 entstandenes Duo für zwei Schlagzeuger: Kaum hörbar ist der Beginn beider Stücke, ersteres – blendend gespielt vom Klangforum Wien unter Peter Rundel – beginnt mit leise sirrenden Klängen vom Tonband, in die sich dem Pochen des Herzens ähnelnde Rhythmen mischen; letzteres mit zarten Wischgeräuschen, die zwei im Raum verteilte Schlagzeuger (Lukas Schiske und Björn Wilker) auf großen Trommeln erzeugen, die kaum je so tönen, wie man das sonst gewöhnt ist. Beide Stücke sind vom Blick auf die Vergangenheit und von Reflexionen über den Tod geprägt: Das rituell angelegte „Stèle“ folgt alten Grabinschriften, „Jour, contre-jour“, ein langgezogener, über zwanzig-minütiger Prozess teils leuchtender, teils dunkler Klangfarben, dem „Ägyptischen Totenbuch“.

          Grenzerfahrungen beschert Grisey den Zuhörern auch durch die aus der Spektralanalyse generierte Gestaltung der Rhythmik. Sowohl „Vortex temporum“ für Klavier und fünf Instrumente, am 14. August in einer choreographierten Fassung von Anne Teresa de Keersmaeker in Salzburg präsent, als auch „Le temps et l’écume“ werden von drei unterschiedlichen Zeitskalen dominiert, die allmählich ineinander verschränkt werden. „Die Zeit und der Schaum“, wie der Titel des Werks für vier Schlagzeuger, zwei Synthesizer und Kammerorchester (erneut das Klangforum Wien) in der Übersetzung lautet, macht sich unterschiedliche Verständigungssysteme zunutze: Die erste Zeitebene basiert auf der menschlichen Sprache, die zweite auf dem Summen von Insekten und die dritte auf tiefen und gedehnten Lauten der Wale.

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          In „Quatre chants pour franchir le seuil“ für Sopran und fünfzehn Musiker, dem letzten vollendeten Werk Griseys, glanzvoll interpretiert von der Sopranistin Katrien Baerts und dem Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomàrico, rücken hingegen die Ein- und Ausschwingvorgänge der Klänge, also die geräuschhaften Ereignisse vor dem eigentlichen Ton, ins Zentrum. Vier poetische Texte aus unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen – vom Gilgamesch-Epos bis in die französische Gegenwart –, in denen der Versuch unternommen wird, das Unaussprechliche des Todes in Worte zu fassen, dienten Grisey als Inspiration für seine „Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten“.

          Es ist gleichsam ein atmender Organismus, den der Komponist aus absterbenden oder chromatisch absteigenden Klängen zum Leben erweckt, als wolle er uns damit sagen, dass die Ruhe nach dem Tod ein ganz anderes, gelasseneres Kapitel des Daseins aufschlagen werde, das eben nur in weltlichem Sinne als Nicht-Mehr-Dasein betrachtet werden könne. Ein Höhepunkt dieser beeindruckenden Retrospektive, die am 16. August mit Griseys symphonischem Hauptwerk „Les espaces acoustiques“ einen krönenden Abschluss finden wird.

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