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Salzburger Festspiele : Wale im Fluss der Zeit

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An die Schwelle unseres Wahrnehmungsvermögens führen etwa „Jour, contre-jour“ für elektronische Orgel, dreizehn Musiker und Vierspur-Tonband (1979) oder „Stèle“, ein 1995 entstandenes Duo für zwei Schlagzeuger: Kaum hörbar ist der Beginn beider Stücke, ersteres – blendend gespielt vom Klangforum Wien unter Peter Rundel – beginnt mit leise sirrenden Klängen vom Tonband, in die sich dem Pochen des Herzens ähnelnde Rhythmen mischen; letzteres mit zarten Wischgeräuschen, die zwei im Raum verteilte Schlagzeuger (Lukas Schiske und Björn Wilker) auf großen Trommeln erzeugen, die kaum je so tönen, wie man das sonst gewöhnt ist. Beide Stücke sind vom Blick auf die Vergangenheit und von Reflexionen über den Tod geprägt: Das rituell angelegte „Stèle“ folgt alten Grabinschriften, „Jour, contre-jour“, ein langgezogener, über zwanzig-minütiger Prozess teils leuchtender, teils dunkler Klangfarben, dem „Ägyptischen Totenbuch“.

Grenzerfahrungen beschert Grisey den Zuhörern auch durch die aus der Spektralanalyse generierte Gestaltung der Rhythmik. Sowohl „Vortex temporum“ für Klavier und fünf Instrumente, am 14. August in einer choreographierten Fassung von Anne Teresa de Keersmaeker in Salzburg präsent, als auch „Le temps et l’écume“ werden von drei unterschiedlichen Zeitskalen dominiert, die allmählich ineinander verschränkt werden. „Die Zeit und der Schaum“, wie der Titel des Werks für vier Schlagzeuger, zwei Synthesizer und Kammerorchester (erneut das Klangforum Wien) in der Übersetzung lautet, macht sich unterschiedliche Verständigungssysteme zunutze: Die erste Zeitebene basiert auf der menschlichen Sprache, die zweite auf dem Summen von Insekten und die dritte auf tiefen und gedehnten Lauten der Wale.

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In „Quatre chants pour franchir le seuil“ für Sopran und fünfzehn Musiker, dem letzten vollendeten Werk Griseys, glanzvoll interpretiert von der Sopranistin Katrien Baerts und dem Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomàrico, rücken hingegen die Ein- und Ausschwingvorgänge der Klänge, also die geräuschhaften Ereignisse vor dem eigentlichen Ton, ins Zentrum. Vier poetische Texte aus unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen – vom Gilgamesch-Epos bis in die französische Gegenwart –, in denen der Versuch unternommen wird, das Unaussprechliche des Todes in Worte zu fassen, dienten Grisey als Inspiration für seine „Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten“.

Es ist gleichsam ein atmender Organismus, den der Komponist aus absterbenden oder chromatisch absteigenden Klängen zum Leben erweckt, als wolle er uns damit sagen, dass die Ruhe nach dem Tod ein ganz anderes, gelasseneres Kapitel des Daseins aufschlagen werde, das eben nur in weltlichem Sinne als Nicht-Mehr-Dasein betrachtet werden könne. Ein Höhepunkt dieser beeindruckenden Retrospektive, die am 16. August mit Griseys symphonischem Hauptwerk „Les espaces acoustiques“ einen krönenden Abschluss finden wird.

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