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Salzburger Festspiele : Die Unwucht des Populären

  • -Aktualisiert am

Ganz befreites Singen: Anna Netrebko und Massimo Cavalletti Bild: Herwig Prammer/REUTERS

Trotz einer Galabesetzung mit Anna Netrebko und Piotr Beczala: Die Salzburger Festspiele verheben sich an Puccinis Oper „La Bohème“.

          Die frohe Botschaft gab man den Premierenbesuchern gleich mit auf den Weg: Die Opernsparte, so ließ Helga Rabl-Stadler, die PR-gewitzte Präsidentin der Salzburger Festspiele, vorab verkünden, rechne sich bereits; schon jetzt, nach zwei Wochen Festspielbetrieb, sei das Einspielsoll erreicht, zumal der ohnehin erfreuliche Kartenverkauf nochmals angezogen habe. Das ist in der Tat eine erfreuliche Nachricht - vor allem für den neuen Intendanten Alexander Pereira, der damit kräftigen Rückenwind erhält für seine Pläne, den Salzburger Opernspielplan noch weiter auszubauen. Der Streit um diesen Expansionskurs und dessen sponsorengestützte Finanzierung hatte zuvor sogar zu einer Rücktrittsdrohung Pereiras geführt. Davon hört man vorerst nichts mehr.

          Freilich kommt die gute Nachricht auch kaum überraschend. Mit der „Zauberflöte“, „Carmen“, „Ariadne auf Naxos“ und Händels „Giulio Cesare“ hat Pereira für seinen Salzburg-Einstand gleich einige der populärsten Titel des Opernrepertoires versammelt - ein Spielplan, für den man jedem Staatsopernintendanten mit dem Entzug der Subventionen drohen müsste ob seines schamlosen Populismus. Mit der Premiere von Puccinis „La Bohème“ im Großen Festspielhaus kam jetzt sogar noch ein weiteres Zugstück hinzu, überdies in einer kassenfreundlichen Galabesetzung mit Anna Netrebko und Piotr Beczala, bei der fast gleichgültig ist, was gesungen wird.

          Das Stück sperrt sich gegen Aktualisierung

          Man könnte dieser offenen Hinwendung zum Populären indes auch eine positive Wendung geben: Ein Festival, das sich wirklich als „Fest-Spiel“ begreift, also strengste Kriterien an die eigenen Leistungen anlegt, vermag so zentralen, vielgespielten Werken wie der „Zauberflöte“ oder „La Bohème“ durchaus gebührenden frischen Glanz verleihen - wenn denn die Leistungen stimmen. Dann, und nur dann, würde auf beglückende Weise das ursprüngliche Ideal der Festspielgründer wiederbelebt, die einst von maßstabsetzenden „Musteraufführungen“ des musikalischen Kernrepertoires träumten.

          Die Kulissen in „La Bohème“ sind surreal überdimensioniert, die Menschen davor wirken buchstäblich klein und schutzbedürftig, manchmal aber auch bloß niedlich

          Bei einer Oper wie „La Bohème“ ist das allerdings eine immense Herausforderung. Denn wie alle Opern Puccinis, die märchenhafte „Turandot“ ausgenommen, sperrt sich dieses vom Lokalkolorit und einem besonderen Lebensgefühl geprägte Stück gegen jedwede eindimensionale Aktualisierung. Stefan Herheim gelang Anfang des Jahres in Oslo immerhin das Kunststück, uns ebendiesen Abstand zur Welt von Rodolfo und Mimì neu spüren zu lassen: indem er die über vierzig Jahre alte Osloer Vorgängerproduktion als Nostalgie-Ebene komplett in seine Inszenierung integrierte. Frappierend, welcher Wandel der Krankheits- und Todesbilder da plötzlich erkennbar wurde!

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