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Salzburger Festspiele : Die Schreifrau von Orleans

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Mit Worten getötet, mit Blut dann befleckt: Kathleen Morgeneyer wird von den Geistern, die sie schuf, heimgesucht Bild: Arno Declair

Wer hat die kleine Johanna ans Kreuz genagelt? Der Regisseur Michael Thalheimer gibt bei den Salzburger Festspielen dem Himmel die Schuld, gegen den er anbrüllen lässt. Der Himmel aber weiß: Die Regie nagelt mit.

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          Kein Mädchen, keine Frau der Welt, die mehr mit sich herumtrüge. Sie scheint eine einzige wandelnde Litfaßsäule, beklebt mit Etikettenplakaten, die ihr andere aufpappen: „Tigerin“, „Hexe“, „Phantom des Schreckens“, „Gespenst des Pöbels“, „Schreckensgöttin“, „jungfräulicher Teufel“. Mittendrin im Fremdetikettenschwindel aber das Plakat, mit dem sie sich selbst anpreist, tanzend auf den allerschönsten, allermusikalischsten Versfüßen: „Denn dem Geisterreich, dem strengen, unverletzlichen,/Verpflichtet mich der furchtbar bindende Vertrag,/Mit dem Schwert zu töten alles Lebende, das mir/Der Schlachten Gott verhängnisvoll entgegenschickt“ und „Gleichwie die körperlosen Geister, die nicht frei’n/Auf ird’sche Weise, schließ ich mich an kein Geschlecht/ Der Menschen an, und dieser Panzer deckt kein Herz.“ Dieser Panzer deckt eine Kampfmaschine in Mädchengestalt.

          Im Salzburger Landestheater, wo Michael Thalheimer „Die Jungfrau von Orleans“, Friedrich Schillers „Romantische Tragödie“, inszeniert, ist der Panzer durch ein weißes, leinenes, kniebedeckendes Hängerchen ersetzt. Dazu trägt Johanna d’Arc graue Leggins, Halbstiefel, lange blonde Haare und ein Schwert, das fast so lang ist wie das ganze Mädchen. Sie steht, die Arme leicht ausgebreitet, der rechte hält das Schwert, den Kopf leicht geneigt, über Stunden an der Rampe. Als sei sie dort an ein imaginäres Kreuz geschlagen.

          Vom Himmel ans Kreuz geschlagen

          Über ihr wölbt sich die bühnenbreite und bühnenhohe Kuppel eines schwarzen, leeren Riesen-Pantheons, ein gigantisches Mausoleum, das der Bühnenbildner Olaf Altmann in trübster Düsternis hingewuchtet hat. Durch ein kleines Loch, weit links oben, fällt eine scharfe Lichtbahn, die das Dunkel durchschneidet. An ihrem Ende steht Johanna. Der Lichtkegel fällt wie auf ein unsichtbares Etikettenplakat, das sie hier den ganzen Abend trägt: Mädchenopfer, vom Himmel ans Kreuz geschlagen. Begraben in einer großen Gruft. So hat das Mädchen von Beginn an keine Chance. Man wohnt hier einer Beerdigung bei.

          Schillers Johanna, seine extremste Figur, kann und darf das, was seine anderen Figuren alle nicht können und dürfen: eine ganze eigene Welt dadurch bauen, dass sie eine ganze andere Welt einreißen - und was das Tollste ist, über beide Welten vollkommen herrschen. Natürlich ist Johannas Welt irreal. Sie dichtet, sie träumt, was sie in der Wirklichkeit vollbringt: die Stimmen, die sie hört; die Anrufe der Gottesmutter, die ihr aufträgt, ein völlig kaputtes Frankreich von 1430 gegen ein Heer von Engländern zu befreien, ganze Heere niederzumetzeln, Schlachten zu schlagen, den König KarlVII. in Reims zu krönen. Die reale, historische Johanna war wenig mehr als ein Maskottchen, das den französischen Heeren vorangestellt wurde. Sie griff nie zum Schwert. Am Ende wird ihr der Prozess gemacht, sie landet auf dem Scheiterhaufen.

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