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Salzburger Festspiele : Der Tod als Kur der Fürsten

  • -Aktualisiert am

Gleich knallt’s: Der Kurfürst (Peter Simonischek, links) streitet sich mit dem Prinzen von Homburg (August Diehl) Bild: dapd

Andrea Breth entdeckt in Salzburg ein neues Stück von Kleist. Es heißt zwar immer noch „Prinz Friedrich von Homburg“, müsste aber den Titel tragen „Friedrich Wilhelm von Brandenburg“.

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          Der Prinz von Homburg ist ein Verbrecher. Vor einem wie ihm muss man Armeen, Staaten, Firmen, Familien und die ganze Gesellschaft schützen. Denn er schickt ohne Rücksicht auf höhere, allgemeinere Interessen seine Reiterei in Schlacht und Tod, die „wie eine Saat sich knickend niederlegt“, nur weil ihm privat eine Schwärmerei von Ruhm und Glück und Sieg durch die Rübe rauscht, die er durchs Schnuppern an Damenhandschuhen noch anheizt.

          Er sieht sich, „o Cäsar divus!“, unterm Füllhorn der Fortuna auf der Weltkugel tänzeln und faucht einen der Männer, die sich nicht so schnell „knickend niederlegen“ wollten und eventuell gerne gefragt worden wären, ob sie für des Prinzen Launen sterben möchten, an: „Den Mund noch öffnest - ?“ Zwar hat der Prinz durch seine Laune einen Sieg errungen bei Fehrbellin 1675 (Brandenburger gegen Schweden), aber einen Sieg, der den Krieg verlängert, nicht beendet. Es müssen sich deshalb noch weitere Tausend „knickend niederlegen“. Deswegen wird der Prinz zum Tode verurteilt. Zu Recht.

          Eine Schaukel in Balance

          Verbrecher muss man bestrafen. Der Dichter (und Offizier) Heinrich von Kleist bestraft, bevor er sich selbst mit dem Tode bestrafte, 1811 in seinem letzten Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ den Prinzen. Kleist stimmt dem Todesurteil zu. Und auch sein Prinz. Er anerkennt das Gesetz. Er lernt.

          Der Prinz von Homburg ist aber auch ein Dichter. Einen wie ihn muss man Armeen, Staaten, Gesellschaften, Firmen und Familien wünschen. Dichter muss man lieben. Er sieht, wo andere Tod, Schlachten, Wunden und Verheerungen sehen, Sonnen und Blumen und Kränze und Götter. Er spricht in Jamben und herrlichen Bildern und wandelt Schlaf bei Tag. Er trägt kein Gesetzbuch unterm Arm, sondern er trägt Nacht: Traumzeit. „Es ist Nacht“ lautet die erste Regieanweisung zur ersten Szene. Der Prinz hat nicht Augen für die Welt draußen, sondern nur für die Welten drinnen, wie er sie sich verdichtet. Wie unter einer ständig getragenen Augenbinde.

          August Diehl als Prinz von Homburg und Andrea Clausen als Kurfürstin in Andrea Breths Salzburger Inszenierung
          August Diehl als Prinz von Homburg und Andrea Clausen als Kurfürstin in Andrea Breths Salzburger Inszenierung : Bild: dapd

          Dichter muss man begnadigen. Deswegen wird der Prinz begnadigt am Ende, das Todesurteil nicht vollstreckt. Heinrich von Kleist stimmte, bevor er sich und sein Leben dadurch begnadigte, dass er sich den Tod gab, der Begnadigung des Prinzen ausdrücklich zu. Und auch sein Kurfürst. Der Kurfürst lernt auch. Das Stück ist: eine Schaukel - in Balance. Zwischen Traum und Gesetz. Beide haben recht.

          Unstillbarer Blut- und Beißdurst

          Jetzt, im Salzburger Landestheater, wo Andrea Breth, die große Ausgräberin großer, alter Figuren, die bei ihr so wirken, als sähe man sie zum ersten Mal, den „Prinzen von Homburg“ zur Festspielaufführung bringt, sieht man nicht den Träumer und Dichter Homburg. Man sieht auch nicht den Verbrecher Homburg. Man sieht: einen Unzurechnungsfähigen, weder dichterisch noch juristisch belangbar.

          August Diehl, der immer noch jungenhaft rosig wirkende pubertär exaltierte Unschuldsextremist unter den Schauspielern, spielt in Hemd, Stulpenstiefel und Hose der Kleist-Zeit einen zeitlos Verrückten, einen an der Grenze geistiger und seelischer Verheerung taumelnden Versehrten. Der dauernde Kriegsdienst hat ihn offenbar schwer traumatisiert. Er trägt nicht wie bei Kleist die Nacht und ihre Wunder und Schrecken in einem Dichterhirn. Die Nacht hat ihn vielmehr in ihren Krallen. Sie zwingt ihn in den Schwitz- und Schreikasten. Und da die Nacht auch die Mutter aller Vampire ist, zeigt Diehls Homburg auch einen unstillbaren Blut- und Beißdurst.

          Untergebenen, die ihm den Unsinnsbefehl verweigern, beißt er in den Hals, tritt die am Boden Liegenden tobend mit Füßen. In die Schlacht zieht er, als zerrten Gespenster an ihm, deren Geheul er aufnimmt. Die Kurfürstinnen-Nichte Nathalie beißt er vergewaltigend umstandslos in die Lippen. In sie hatte er sich verliebt und ihr den Handschuh schlafwandelnd vom Arm gezogen, als die kurfürstliche Entourage den Traumverlorenen zwischen zwei Schlachten im Schlossgarten zu Fehrbellin mit Lorbeerkränzen und Siegesketten narrte. Was ihn dazu brachte, bei der Befehlsausgabe lieber von Mädchen und Handschuhen zu phantasieren, als auf kriegsverkürzende Dienstanweisungen zu hören.

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