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Salzburger Festspiele : Aus Bildern wird Musik

Szenenbild der Salzburger Uraufführung von Marc-André Dalbavies „Charlotte Salomon“. Bild: Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Ein zartes Gesamtkunstwerk: Die Uraufführung von Marc-André Dalbavies Oper „Charlotte Salomon“ in der Salzburger Felsenreitschule gerät zum funkelnden Juwel der diesjährigen Festspiele.

          Früher strömten die Leute aus dem Opernhaus mit einem Lied auf den Lippen in die Nacht, einem Ohrwurm, den jeder mit sich nach Hause trug, aus dem soeben gehörten, brandneuen Stück. Bei Mozart war das so, auch bei Weber, Meyerbeer, Verdi. Aber schon bei Wagner wird es schwierig, ganz unmöglich bei Berg oder Schönberg, Rihm und Reimann. An diesem Abend aber, in Salzburg auf der Hofstallgasse, nachts um halb zehn, summt und brummt es wieder überall: kurzer Auftakt, Tonleiter rauf, Quartsprung in die Tonika, wieder zurück.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine Kindermelodie, kurz, schlicht, tonal, klappsymmetrisch gebaut, so dass man sie auch gut im Kanon singen kann. Sie stammt aus der Uraufführung der „Charlotte Salomon - Oper in zwei Akten“ von Marc-André Dalbavie. Ist das noch ernste Oper oder nur ein billiger Musicaltrick und ein Anachronismus?

          Das Kinderlied als raffiniertes Quasizitat

          Nun gibt es gottlob noch keine Musikpolizei, die das Nachsingen von Melodien, alt oder neu, verbietet. Und sogar Arnold Schönberg hatte davon geträumt, eines Tages werde man seine Musik auf der Straße pfeifen. Das Kinderlied, mit dem Dalbavie seine zweite Oper, Auftragswerk der Salzburger Festspiele, beginnen und enden lässt, ist nur ein raffiniertes Quasizitat. Wie ein Klingelschild hat Dalbavie dieses Tralala an die Eingangstür des ernsten Werkes geschraubt, als Motto hängt es über der Handlung. Eine Melodie, nur erfunden, um erinnert zu werden - wie überhaupt diese ganze pausenlose, abendfüllende Oper sich als musikalische Erinnerungsarbeit entwickelt, in der viele Musikzitate kopiert und übermalt werden.

          Die bildende Künstlerin Charlotte Salomon lebte von 1917 bis 1943. Im September 1943, frisch verheiratet und im fünften Monat schwanger, wurde sie im südfranzösischen Nizza denunziert, verhaftet, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Salomon hatte gerade erst ihr kurzes Leben autobiographisch dokumentiert, in einem sogenannten „Singe-Spiel“, zusammengesetzt aus 769 farbigen Gouachen. Einige dieser Bilder wurden auf der Documenta 2012 in Kassel gezeigt, das Gesamtwerk Salomons kann man im Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam besichtigen.

          In letzter Zeit kam es öfter vor, dass Salomons Schicksal, zumal ihre erstaunlich farblustigen, eigenwilligen Bilder und Cartoons, die teils an Chagall erinnern, teils an Van Gogh, andere zum Nach-Erzählen inspirierten. Zwei Spielfilme entstanden, drei Dokumentarfilme, demnächst zeigt die Choreographin Bridget Breiner im Musiktheater im Revier die Ballettoper „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“. Dalbavie ist in aktueller Gesellschaft mit seinem Projekt, an dem er drei Jahre komponierte, zuletzt, auf Vorschlag seines Regisseurs Luc Bondy, nach einem zweiten Libretto-Entwurf, den ihm Barbara Honigmann schrieb.

          Gouachen nach Musikerinnerungen

          Es geht im Fall Charlotte Salomon, darin sind sich die drei Autoren einig, nicht in erster Linie um ein charismatisches oder rührendes Verfolgtenschicksal. Sondern vor allem um eine Künstlerin, die in einer Schreckenszeit mit Kunst auf den Schrecken reagierte.

          Salomons Selbsterlebensbeschreibung entstand in nur wenigen Monaten, im Exil in Südfrankreich. Nach eigenem Bekunden malte sie viele der farbintensiven Gouachen, wo eine Chagall-Himmelsbläue immer wieder schwarze Schatten zurückdrängt, nach Musikerinnerungen: Revue-Schlager und Schubert-Lieder, Arien von Bizet bis Bach, all das, was ihre Stiefmutter, die Sängerin Paula Lindberg, daheim im Salon in Berlin-Charlottenburg gesungen hatte. Marc-André Dalbavie dagegen verkomponiert Honigmanns Libretto, das überwiegend aus Salomonschen Texten besteht, nach den Farben dieser Gouachen. Sobald das erste Pseudo-Kinderlied verklungen ist, antwortet also Klangfarbe auf Farbmelodie.

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