https://www.faz.net/-gs3-zhf1

Salzburger Festspiele : Auf den Marmorklängen

  • -Aktualisiert am

Monochrom, als wäre die Bühne viragiert: Orfeo (Elisabeth Kulman) steigt in eine Metropolis-Hölle hinab Bild: REUTERS

Die Salzburger Festspiele bieten zwei Stars für Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“: Riccardo Muti als Dirigent und Dieter Dorn als Regisseur. Perfekt klingt die Oper, perfekt sieht sie aus. Aber ist das genug?

          3 Min.

          Der Festspielluxus hat seine mitunter fatale Psychologie: Angespannt sitzt die Premierenbesucherin auf ihrem Platz im stolzen Bewusstsein des Privilegs, sich mit Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ eine herausgehobene Kunstdarbietung leisten zu können. Doch paradoxerweise ist es gerade dieses Wissen, das ihr den Genuss unmöglich machen will. Statt sich der Vorstellung hingeben zu können, sieht sich die Besucherin herausgefordert, darüber zu wachen, dass sie nicht übervorteilt wird. Ragt der Jackenzipfel ihrer Sitznachbarin nicht einen Zentimeter zu weit in die Lücke zwischen den beiden Plätzen? Zwar: Er berührt sie ja nicht einmal. Doch dafür, wie auch für all die anderen potentiellen Festspielglückbedrohungen, die sie im Laufe des Abends noch befürchtet, wahrnehmen zu müssen - dafür, so meint sie, „war die Karte einfach zu teuer!“ Je schöner der Glanz, umso quälender provoziert er die Suche nach einem Makel.

          Sie muss an diesem Abend freilich relativ erfolglos bleiben. Liegt doch der einzige Makel dessen, was künstlerisch geboten wird, in der marmornen Glätte einer ebenso unangreifbaren wie unnahbaren Musik und einer Inszenierung, die hierauf mit der erlesenen Leere geschmackvoll ausgeleuchteter Tableaus und unbeholfen posierender Sänger reagiert. Dass die „Wahrheit und die Natürlichkeit die tragenden Grundlagen des Schönen in allen Schöpfungen der Kunst“ seien, wie es Gluck, der Opernreformer, formulierte, sind goldene Worte, die niemand bestreiten wollte. Doch die Neuerungen, die in seiner azione teatrale „Orfeo ed Euridice“ im Jahr 1762, als man noch den repräsentativen Pomp und konventionellen Zierrat der barocken opera seria im Ohr hatte, radikal gewirkt haben mochten, drohen heute hinter dem gravitätischen Feierton und der klassizistischen Perfektion einer von aller Exzentrik bereinigten dramatischen Fassade zu verschwinden. Kaum mehr vorstellbar, dass der Seelenerkunder Richard Wagner in Gluck noch einen Vorstreiter seines Musikdramas erkennen konnte.

          Schlummernde Ausdrucksmusik zum Leben erwecken

          Von dem in subtilen Differenzierungen angedeuteten, mit Vorhalten, Sekundreibungen und harmonischen Wechseln spielenden seelischen Drama um Orpheus, der die Furien des Hades durch seinen Gesang bezwingt und seine Euridice anschließend doch zum zweiten Mal an die Unterwelt verliert, weil sie ihn in einen Beziehungsterror hineinzieht und er schließlich nicht widerstehen kann, sie anzusehen - von dieser bei Gluck und seinem Librettisten Raniero de Calzabigi ganz auf die intime Liebesgeschichte konzentrierten Tragödie ist jedenfalls in Riccardo Mutis bewundernswert ausbalancierter Interpretation mit den Wiener Philharmonikern kaum etwas zu hören.

          Über die im Detail liegenden, wenigen Ungeheuerlichkeiten dieser Musik - ihre dynamischen Kontraste, ihre sprechenden Gesten, die dissonanten Klangchiffren des Schmerzes, das angedeutete Zerberusgebell im Chor der Furien - spielt das Orchester formvollendet und elegant hinweg. Wie es Muti andererseits jedoch gelingt, über die gut hundert Minuten dauernden, ohne Pause gespielten drei Akte hinweg einen einzigen atmenden, gleichsam symphonischen Bogen zu spannen, ist höchst beeindruckend. Womöglich muss man sich als Dirigent bei dieser Partitur entscheiden, ob man ihre Formbalance akzentuieren oder die in ihr schlummernde Ausdrucksmusik zum Leben erwecken will.

          Zum Teufel mit der Makellosigkeit

          Eine spezifische Qualität des Werks bringt der von Muti kultivierte edle Gleichklang immerhin bezaubernd zur Geltung: Es ist das für Gluck so eigentümliche somnambule Schweben der mitunter betörend zeitenthoben wirkenden Verläufe. Jürgen Roses schlichte Himmels-, Fluss- und Unterweltskulissen und Tobias Löfflers atmosphärische Lichtwechsel schaffen einen stimmungsvollen Raum dafür.

          Der Regisseur Dieter Dorn indes kann sich zwischen einer puristischen Stilisierung, wie sie Robert Wilson besser gelingt, und einer psychologisch ausdeutenden Personenführung nicht recht entscheiden. Vor allem in den etwas linkischen Bewegungen des Chores - der im Elysium schlafwandlerisch über eine Spiegelfläche schreitet und in der Unterwelt schlangenartige Leiberverschlingungen vollführt - ist dieser Mittelweg wenig überzeugend. Das lieto fine, in dem Euridice von Amor selbst zum zweiten Mal wiedererweckt wird, kontrapunktiert Dorn mit der Mahnung, das kostbare Gut der Liebe nicht achtlos aufs Spiel zu setzen. Zu den streitenden Ehepaaren, die man hier als Memento mori vorgeführt bekommt, ist dem Regisseur jedoch nicht viel mehr eingefallen als ein mehrfach bemühter Kalauer: Männer hauen mit Blumensträußen auf ihre Frauen ein.

          Mutis Konzept der Ausgewogenheit fügt sich auch die Sängerbesetzung, sieht man von dem auch vokal recht unpräzise agierenden Wiener Staatsopernchor einmal ab. Elisabeth Kulman in der wunderbar rund und voll intonierten Altpartie des Orfeo, Genia Kühmeier mit strahlenden Sopranhöhen als Euridice und Christiane Karg in der Rolle des Amore mit gelegentlich leicht flirrendem, irisierenden Soprantimbre sorgen verlässlich für Wohlklang. Etwas mehr Ausdrucksintensität hätte man sich in der einen oder anderen Passage schon gewünscht. Zum Teufel mit der Makellosigkeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lieber was Eigenes: Ein Einwohner von Wuhan erhält eine Impfung mit dem chinesischen Sinopharm-Vakzin.

          Impfstoffe : China bremst BioNTech aus

          Die Verhandlungen liefen bereits, man war zuversichtlich. Eine Milliarde Impfstoffdosen im Jahr wollte das Unternehmen auf dem größten Markt der Welt verkaufen. Doch daraus wird wohl nichts.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.