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Salzburger Festspiel-Theater : Jeder Tag ein Paradies, jede Nacht die Sintflut

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Die Not ist groß, das Heil ist fern: Hinkemann (Jonas Anders, Mitte) mit seiner Frau Grete (Katharina Schmidt) und deren Liebhaber Paul (Daniel Christensen) Bild: dpa

Die Salzburger Festspiele geben Ernst Tollers expressionistisches Antikriegsstück „Hinkemann“ aus dem Jahr 1922. Der junge Regisseur verhebt sich dabei. Immerhin gibt es viel Zuckerwatte und ein großes Karussell.

          3 Min.

          Der noch junge Regisseur ist, politisch gesehen, ein ziemlich altbackener Trottel: Im Programmheft zu seiner Salzburger Festspiel-Inszenierung des „Hinkemann“, des Dramas eines Heimkehrers aus dem Ersten Weltkrieg, schreibt er, dass ihm der Erste Weltkrieg „viel bedeutet“. Weil „er die Südslawen endlich vereinte“ und der „Beginn der Moderne“ gewesen sei. Außerdem „gebe ich zu, dass ich auf Gavrilo Princip stolz bin“, einen „echten Romantiker“. Princip war der Mörder des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie.

          Abgesehen davon, dass man um der Güte und der Liebe willen auf keinen Mörder stolz sein sollte, hätte man nicht vermutet, dass rassisch-völkischer Chauvinismus, der 17 Millionen Tote für gut genug hält, der Einigung der Südslawen geholfen zu haben, im Kopf eines fünfunddreißigjährigen europäischen Theatermachers von heute noch derart spukt.

          Der noch junge serbische Regisseur Milos Lolić, gebürtig aus Belgrad, ist aber auch künstlerisch ein harmloser Hallodri. Auf die Spielfläche des „Republic“, eines alten Stadtkinos, das den Salzburger Festspielen für ihre schmockenglisch betitelte Reihe „Young Director’s Project“ dient, setzt Lolić das Stahlgestänge eines glühbirnenverzierten Karussells. Alles spielt sich im und ums oder auch mal vorm hübsch drehbaren Gestänge ab.

          Kastriertes Deutschland, kastriertes Proletariat, kastrierte Menschheit

          Offenbar, weil Eugen Hinkemann, den sie im Krieg zum Eunuchen geschossen und seines wichtigsten Körperteils beraubt haben, in Ernst Tollers wehschreiend expressionistischem Stück von 1922 in einer Jahrmarktsbude lebenden Ratten und Mäusen die Kehle durchbeißt (für achtzig Mark am Tag), um seiner Frau Grete, die er naturgemäß anders nicht mehr befriedigen kann, wenigstens etwas materiellen Ersatz zu bieten.

          Toller, Jahrgang 1893, erst Idealist, dann Nationalist, Freiwilliger vor Verdun, dann Kommunist und Anarchist, für sechs Tage Präsident der Münchner Räterepublik, schrieb seinen „Hinkemann“ als politischer Gefangener in der Festung Niederschönenfeld. Seinem Eugen, einem Oh-Mensch!-Wiedergänger des Woyzeck, beziehungsweise dessen fehlendem Geschlechtsteil lädt Toller viel auf: Zum Ersten soll Hinkemann das kastrierte Deutschland, zum Zweiten das kastrierte Proletariat, zum Dritten die kastrierte Menschheit (in dieser Reihenfolge) verkörpern. Man möchte dem Drama zurufen: „Geben Se dem Eunuchen noch ’ne Allegorie!“

          Die Figuren kämpfen sich durch lauter Merksätze. So sagt Grete: „Schuld hat eine Zeit, in der es so was gibt.“ Sie und ihr Nicht-mehr-Mann-sein-Könner sind fremdbestimmte, versehrte Fleischesbrocken. Eugen vom Krieg fremdbestimmt, Grete vom Trieb, der sie zu Paul Großhahn ins Bett treibt, wo Paul sie schwängert, während ihr Eugen Ratten- und Mäuseblut säuft.

          Der Regisseur hat seine Figuren richtig lieb

          Am Ende springt Grete aus dem Fenster. Hinkemann aber findet: „Jeder Tag kann das Paradies bringen, jede Nacht die Sintflut.“ Denn auch seine sozialistischen Kumpels, die sozialdemokratisch, trotzkistisch oder anarchistisch die Wege des Kommunismus in der Kneipe diskutieren, können ihm nicht helfen - vor einem fehlenden Pimmel versagen alle Parteibücher.

          Hier spielt sich alles ab: Das glühbirnenverzierte Jahrmarktskarussell des Salzburger „Hinkemann“
          Hier spielt sich alles ab: Das glühbirnenverzierte Jahrmarktskarussell des Salzburger „Hinkemann“ : Bild: dpa

          Man muss, man kann das nicht mehr spielen. Wir haben heute andere Heimkehrer, womöglich schlimmere. In Salzburg aber sind die Heimkehrer von damals von belangloser Liebenswürdigkeit. Der junge Regisseur spendiert ihnen, wohl weil er den Ersten Weltkrieg so super findet, süße Jahrmarktszuckerwatte, an denen die Schauspieler des Düsseldorfer Schauspielhauses, mit dem die Festspiele hier koproduzieren, wacker schlecken. Lolić lässt das Stück weniger spielen als unterspielen. Der Regisseur zeigt, dass er die Figuren richtig lieb hat, sanft rückt er ihnen auf die Pelle.

          Hier sieht man aber nicht Toller, sondern eine Verpackung. Der schmale, elegante sanfte Bub mit der Aura weniger eines Proletariers, mehr eines Studienabbrechers (Germanistik und Menschenweh), als den Jonas Anders den Hinkemann darbietet, sitzt lächelnd auf der mittleren Karussellscheibe und schaut zu, wie seine Grete zu ihrem außerehelichen Potenzling Paul auf der unteren Karussell-Scheibe neckisch kriecht.

          Ein nassgekämmter, schmaler bleicher Nervösling

          Katharina Schmidt gibt die Grete mit dem Charme einer patenten Puppenfrau, in deren locker geflochtener Schnecken-Frisur das ganze Drama zu liegen scheint: gebunden, aber sich auflösend. Und wenn sie am Ende aus dem Fenster gesprungen sein soll, legt sie sich vors Karussell. Man tut hier nicht einmal so, als spiele man ein böses Drama. Man arrangiert nette Leute in einem Ringelreihen.

          Dem nassgekämmten, schmalen, bleichen Nervösling, als den Daniel Christensen den Paul spielt, möchte man Leserbriefe an die „Gartenlaube“, aber kaum virile Hormonüberschwemmungsattacken zutrauen. Auch der wüste, bei Toller im Kasernenhofton ohne Punkt und Komma herumkommandierende Budenbesitzer ist hier als Herr der Ratten und der Mäuse bei Christian Ehrich eher ein Ex-Oberministrant als ein Blutschinder.

          Und die sozialistischen Wirtshausbrüder, von denen einer als Elektriker für die Glühbirnenbestückung des Karussells zuständig scheint, stecken in allerliebst farbigen Masken, unter denen sie Zeitungsausrufer oder Freikorps-Schlächter oder Judenhasser daherbrabbeln lassen müssen.

          Dass Hinkemann zwar den „Gott Priap“, dem er im Stück als einer phallischen Statue höhnisch opfert, immer noch wehleidig in der eigenen Unterhose sucht und seiner Grete sehnsüchtig hinterherlächelt, sich aber am Ende, anders als im Stück, im obersten Karussellgestänge erhängt, tut dem Zuckerwatte-Charme der Inszenierung keinen Abbruch. Es potenziert ihn noch. Wenn der Erste Weltkrieg so süß gewesen sein soll, hätte man ihn gar nicht zu beginnen brauchen.

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