https://www.faz.net/-gs3-6k1l4

Opernfestspiele München : Uns ist auf dieser Welt keine Ruhe vergönnt

  • -Aktualisiert am

Wer hat hier die Hosen an? Diana Damrau als Aminta und Franz Hawlata als Sir Morosus in „Die schweigsame Frau” Bild: Rabanus

Hat dieses Werk noch etwas zu sagen? Die Frage bleibt, trotz überzeugender musikalischer Leistung: Kent Nagano und Barrie Kosky bringen „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss bei den Münchner Opernfestspielen zum Reden.

          4 Min.

          Die Komödie ist der Ernstfall. Das gilt für die Oper „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss gleich in mehrfacher Hinsicht. Schon die Umstände ihrer Entstehung und Uraufführung sind alles andere als komisch. So ließ der plötzliche Tod Hugo von Hofmannsthals im Juli 1929 den damals fünfundsechzig Jahre alten Strauss ernstlich zweifeln, ob es nach der „Arabella“ noch eine Fortsetzung für sein Bühnenschaffen geben könne.

          Ein Glücksfall bescherte ihm jedoch Ende 1931 die Bekanntschaft mit Stefan Zweig, der sich seinerseits schon länger mit Librettistenplänen trug. Aus der Arbeit an seiner Ben-Jonson-Adaption „Volpone“ brachte Zweig die Idee zu einer modernen Opera buffa nach dessen „Epicoene or The silent woman“ von 1609 mit – ein Vorschlag, der Strauss sofort begeisterte. Ähnlich reibungslos ging dann auch die Zusammenarbeit vonstatten, und alle Trauer um den unersetzlichen Hofmannsthal vergessend, bescheinigte Strauss seinem neuen Textdichter schließlich sogar, er habe „das beste Libretto für eine Opera comique seit Figaro“ geliefert.

          Hört die Signale

          Die Freude über die neue Künstlerpartnerschaft wurde freilich rasch getrübt: Inzwischen hatte in Deutschland die Regierung gewechselt, und die Nationalsozialisten, allen voran Joseph Goebbels, wollten es sich nicht nehmen lassen, die Uraufführung einer neuen Oper aus der Feder des weltberühmten „Rosenkavalier“-Komponisten als kulturpolitische Propagandaveranstaltung zu nutzen. Bloß der Name des Librettisten, eines „unangenehm talentierten Juden“ (Goebbels), störte diese Absicht empfindlich. Als „Oper nach Ben Jonson“ sollte „Die schweigsame Frau“ deshalb annonciert werden, doch der politisch sonst so biegsame Strauss stellte sich quer – und setzte sich durch: Zweigs Name erschien auf den Abendspielzetteln, Hitler und Goebbels blieben der Dresdner Premiere am 24. Juni 1935 unter einem Vorwand fern. Das Werk wurde ein Erfolg, verschwand aber trotzdem nach wenigen Aufführungen wieder vom Spielplan der Semperoper. Von dieser Rache des Regimes hat sich „Die schweigsame Frau“ bis heute nicht erholt.

          Umso aufschlussreicher erscheint der Wiederbelebungsversuch, den die Bayerische Staatsoper jetzt im Münchener Prinzregententheater unternimmt – genau 63 Jahre nach der hiesigen Erstaufführung. Die Umstände dieser Premiere im Rahmen der Opernfestspiele 2010 waren fraglos weniger delikat als die des Jahres 1935; aber nach der Rückzugsankündigung von Generalmusikdirektor Kent Nagano, der wegen interner Differenzen mit dem Intendanten Nikolaus Bachler und jüngster Personalentscheidungen der Münchener Kulturpolitik 2012 das Handtuch werfen will, belauscht man diese Neuproduktion dennoch unwillkürlich auf Signale einer tiefer reichenden Krise.

          Enthaltet Euch der Drastik

          Davon war indes weder szenisch noch musikalisch viel zu spüren. Das Münchener Publikum steigerte sich am Ende erwartungsgemäß in eine Solidaritätsbekundung für Nagano hinein und schloss das Regieteam um Barrie Kosky gleich mit ins allgemeine Wohlwollen ein. Womöglich war dabei auch Dankbarkeit im Spiel, dass der sonst oft so drastisch zuspitzende Kosky auf alle naheliegenden zeitgeschichtlichen Anspielungen verzichtet hatte: Keine Hakenkreuzträger, keine Braunhemden bevölkerten die Bühne, stattdessen herrschte sauber gearbeitetes Lustspiel- und Buffo-Handwerk vor.

          Weitere Themen

          „Solos“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Solos“

          „Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
          Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

          Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

          Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.