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Oberammergauer Kraftakt : Wir können nichts gegen die Träume tun

  • -Aktualisiert am

Jaakob (Anton Burkhart) kniet über Joseph (Fredrik Mayet) Bild: dapd

Christian Stückl, Chef des Münchner Volkstheaters und selbst Oberammergauer, wagt wieder Großes: In seinem Heimatort stemmt er, der schon die Passionsspiele reformierte, nun Thomas Manns Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ auf die Bühne.

          Als man nach der Premiere, es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, das Festspielhaus verließ, stand der Mond so silbern hell am Himmel, wie ihn Thomas Mann beim ersten Auftritt Josephs über dem Jordan leuchten lässt. Er zeigt den „ausnehmend schönen Knaben“ am Ufer in Trance Zwiesprache mit Gott halten. Bei aller Andacht aber kann er nicht umhin, die eigene Anmut zu bewundern. Das tut auch Jakob, der ihn überrascht und wieder einmal für Sekundenbruchteile die Geliebte in dem Jungen sieht, Rachel, die ihm zwei Söhne schenkte und an der Geburt des zweiten starb.

          Nie wird er das dem Kleinen, Benjamin, verzeihen, nie wird er davon lassen, Joseph, das Ebenbild der klugen und schönen Rachel, mehr als seine übrigen, von Lea und den „Kebsweibern“ geborenen zehn Söhne zu lieben – maßlos, mit schlechtem Gewissen gegen Gott, dessen „ich gönne, wem ich gönne“ er als Vater so selbstherrlich wie „der Höchste“ ausübt.

          Als Jakob den Träumer beten und dabei den nackten Oberkörper so inbrünstig im Mondlicht baden sieht wie ein heidnischer Priesterjüngling, weist er ihn zurecht, aus Glaubensgründen – und weil er kauert wie Rachel. Das ist eines der vielen doppelbödigen Grundmotive in Manns Josephs-Tetralogie. Christian Stückl stellt es ins Zentrum seiner Inszenierung, die mit einem wunderbar magischen Bühnenbild von Stefan Hageneier, (links sandige Hügel, rechts ein altägyptischer Pylon mit Säulen, dahinter Berge und Wüste, alles in mal goldenem, mal dämmrig blauen Licht), Thomas Manns ersten Satz „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ adäquat umsetzt.

          Joseph (Frederik Mayet) zu Füßen seiner Brüder

          Er kann oder will den Wanderer nicht erkennen

          „Soll man ihn nicht unergründlich nennen?“, fährt Mann fort, und stimmt damit den Leser ein auf das Wesen der Menschen, denen er begegnen wird. Da ist Joseph der, naiv berechnend, den Brüdern so oft seine Träume vom Vorrang, den ihm Gott über alle anderen schenkt, erzählt, bis sie ihn abgrundtief hassen. „Ich dachte, alle Menschen müssten mich mehr lieben als sich selbst“, erzählt er, als sie ihn halbtot geprügelt und an eine Kaufmanns-Karawane verkauft haben, zerknirscht einem Wanderer, in dem er den Gesandten Gottes nicht erkennt oder – weil er sich so dem „Allerhöchsten“ umso unbefangener mitteilen kann – nicht erkennen will.

          Der Höfling Potiphar, bei dem er zum Verwalter aufsteigt, ist bei Thomas Mann ebenso unergründlich. Bald ist Joseph die scheue stumme Liebe dieses Würdenträgers, den seine karrieresüchtigen Eltern zum Eunuchen haben machen lassen – ein Akt höchster Primitivität, der ihm die höchsten Staatsämter sicherte. Niemand spricht darüber, auch Joseph nicht. Er, der längst um die Liebe seines Herrn weiß, was er für sein Fortkommen nutzt, ihn aber doch mit zartfühlendem Respekt und schwebender Gegenliebe behandelt, tröstet Potiphar diskret mit den Worten, so wie sein Herr dem Amun, sei er, Joseph, seinem Gott geweiht.

          Mit demselben Takt, aber auch vom selben „bodenlosen Gelüst“ gequält, behandelt Joseph Potiphars Gemahlin Mut-em-Net. Die kalt keusche „Mondnonne“ verfällt dem Jüngling, den sie anfangs, bestärkt vom intriganten Hofzwerg Dudu, vertreiben wollte. Seine Schönheit, beschwichtigt Joseph, sei doch „nichts als ein gleisender Betrug“; wieder und wieder entwindet er sich ihr, tanzt auf Messers Schneide zwischen Loyalität, Gottesliebe und Trieb.

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