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Oberammergauer Kraftakt : Wir können nichts gegen die Träume tun

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„Es sind Menschen wie du und ich, einige träumerische Ungenauigkeiten ihres Denkens in Abzug gebracht“: So begründet Thomas Mann, weshalb er die imposanten Holzschnitte des Alten Testaments zu den faszinierenden Figuren seines Romans gewandelt hat. Christian Stückl hat auf den Holzschnitt zurückgegriffen. Das ist ihm, der auf Laiendarsteller angewiesen ist, nicht zu verdenken. Doch wird man gelegentlich wütend über zu viel Eindimensionalität: Der Joseph des Frederik Mayet verweigert die Androgynität, die Joseph, schillernd zwischen Adonis, Osiris, Hermes und Messias, zur verwirrenden Gestalt aus Verführer, Opfer und Täter macht.

Ihm fehlen auch die Güte und das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, die den Selbstverliebten zum selbstlos liebenden, verantwortungsbewussten Mann reifen lassen und Übermut und Chuzpe in Güte, Weisheit und Menschenliebe wandeln.

Frederik Mayet, der Christus der Passionsspiele von 2010, hat das darstellerische Zeug zu einer solch irisierenden Gestalt. Auch Stephan Burkart, der den Potiphar gibt, ist als Schauspieler mehr als durchschnittlich. Doch Stückl präsentiert ihn zunächst als Weichling, nahe der Knallcharge einer nölenden Tunte. Wobei ihm Barbara Dobner als Gattin entspricht, weil sie anfangs (als rasend Verliebte gewinnt sie einiges Format) nicht mehr aufbringt als das Gezicke einer hysterischen Hausfrau. Auch Anton Preisingers Pharao, wacker spielend, wird vom Regisseur allein gelassen und kommt so meist als Plapperphilipp daher.

Plötzlich herrscht Totenstille im Publikum

Aber immer noch oft genug treiben Thomas Mann und einige ansehnliche Einfälle Stückls die Darsteller über sich selbst hinaus: Zu Beginn, wenn Anton Burkhardt als Jakob, vor sich selbst erschreckend, gesteht, dass er es bei aller Gottesfurcht nicht über sich brächte, Joseph so gehorsam zu opfern wie einst Abraham seinen Sohn Isaak. Oder wenn er später mit Gott rechtet, weil dieser ihm dafür den Sohn genommen hat. Auch Andreas Richters Reuben, der Joseph gelegentlich schützt und Benedikt Geisenhofs Juda, der die Brüder überredet, ihn zu verkaufen statt zu töten, setzen einige Glanzlichter, ebenso der humorige Kaufmann des Walter Rutz.

Einmal aber sitzt man atemlos: Bei der Szene des Strafgerichts, die mit dem kalt klirrenden „grässlich danken muss ich dir“ einsetzt, das Stephan Burkart als Potiphar seiner Frau zuwirft. Er, der alles durchschaut, doch die Form wahren muss, verurteilt mit der Trauer des verratenen Liebenden Joseph zum Kerker, lässt dann Dudu, dem Intriganten, die Zunge herausschneiden und küsst die in ihrer und seiner Ehre wiederhergestellte Gattin so gewaltsam, dass ihr das Blut aus dem Mund schießt. Er wischt es sich mit der Geste eines Henkers am Staatsgewand ab – Totenstille im Publikum.

„Denn es ist, ist immer, möge des Volkes Redeweise auch lauten, es war.“ So begründete Thomas Mann, warum er den Mythos in unserer Zeit noch einmal erzählte. Christian Stückl wählte das volkstümliche „Es war einmal“. Mehr glaubte er wohl nicht wagen zu dürfen. Aber mit dem Wenigen hat er dann gut gehaushaltet und die Rechte der Träume und Träumer verteidigt.

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