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Oberammergauer Kraftakt : Wir können nichts gegen die Träume tun

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Eine Hexe der Triebe

„Verliebte Trulle“, so geifert Tabubu, die nubische Sklavin der Mut-em-net. Als Hexe der Triebe triumphiert sie für einen Moment über ihre Herrin Mut-em-Net, die sich verzweifelt einen Liebestrank brauen lässt. Wenn nicht seine Seele, soll ihr wenigstens der Körper Josephs gehören. Der aber besinnt sich in letzter Sekunde seines Gottes und lässt sein Gewand in den Händen der Liebesverrückten zurück, die daraus den Beweis einer versuchten Vergewaltigung macht, was Joseph in den Kerker bringt.

Von dort, wo er dem inhaftierten Mundschenk und dem Oberbäcker Pharaos ihre Träume enträtselt hat, gelangt er an den Hof Pharaos, deutet dessen Traum von den sieben fetten und sieben mageren Jahren und wird Stellvertreter des Herrschers. Thomas Mann wählte Echnaton, jenen Pharao, der mit seinem gestaltlosen Sonnengott Aton den Monotheismus zur Staatsreligion erhob. Wie Echnaton, fast noch ein Kind, in Joseph einen Miterleuchteten und Bruder erkennen will, sich bis zur Epilepsie am Bild des allliebenden Aton, aber auch an der eigenen Liebe zu allen Geschöpfen berauscht, und wie Joseph sacht den Fanatismus dieses Träumers zum Segen Ägyptens aber auch seiner selbst lenkt, gehört zu den schönsten Passagen der Tetralogie.

Ergreifend ist ihr Ende, die Versöhnung mit den Brüdern und das Wiedersehen mit dem greisen Vater. Der weint, vor Freude, aber auch, weil er weiß, dass sein geliebter Joseph, nun „groß unter den Fremden“, nicht mehr zu den Auserwählten zählt.

In Oberammergau wird dieser Schluss zu großem Theater: Joseph, gekleidet „in die Größe Ägyptens“, fällt als erster auf die Knie vor seinem Bruder Juda, den Jakob – „ich gönne, wem ich gönne“ – vor dem Erstgeborenen Reuben als Nachfolger segnet. Nun ist der Traum des Anfangs, in dem Joseph sein Ährenbündel als dasjenige sah, vor dem sich die elf Bündel der Brüder neigten, zerstoben. Und mit dem „bunten Rock“, Rachels Brautgewand, das er einst Joseph als Zeichen des Erstgeburtsrechts schenkte, (und das die Brüder zum Beweis, dass diesen ein Löwe zerrissen habe, mit Ziegenblut beschmiert hatten), hält Jakob seinen zerstörten Traum in Händen. Er streift ihn Juda über, der, eher Beute als Sieger, stillhält – die Folgen eigensüchtigen Liebens, erstarrt zum lebenden Bild.

„Fürchterlich allein bin ich mit meiner Liebe.“ „Mir scheint, als bleibe jeder allein mit seinen Träumen“ und „Wir können nichts gegen die Träume tun, aber gegen den Träumer“, jene furchtbare Formel aller Realisten, welche die Brüder sagen, als sie Joseph ausmerzen wollen: Dreihundert Oberammergauer haben zweieinhalb Stunden diese Zentralsätze Thomas Manns gespielt und – hebräisch – gesungen (Musik,wischen Orff und Ben Hur, von Markus Zwink).

Sehr viel und doch verzweifelt wenig

Das ist viel, und doch verzweifelt wenig gegen die Vielschichtigkeit der Josephs-Tetralogie, die zeigt, wozu der Mensch in seinen höchsten Nöten, sei es Gottes- oder Liebessuche, Machtgier oder Geschlechtlichkeit, fähig ist, wie er außer sich geraten kann – aber auch, wie er durch Selbsterkenntnis, Güte und Verständnis Frieden finden und Träume leben kann.

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