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Nibelungen-Festspiele : Auf der Geschichtsbimmelbahn

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Heio von Stetten (l.) als Hauptmann Klein und Mehmet Kurtulus als Scheich Omar Bild: dpa

Siegfried von Arabien trifft Polizeichef Erdogan: Albert Ostermaiers „Glut“ zeigt bei den Wormser Nibelungen-Festspielen, wie die Deutschen den Heiligen Krieg in den Nahen Osten brachten.

          Die Wormser Nibelungen-Festspiele mühen sich seit fünfzehn Jahren nicht ohne Erfolg, gediegene ZDF-Freiluftunterhaltung, Genius loci und eine gewisse politische Relevanz unter einen Hut zu bekommen. Zu Dieter Wedels Zeiten brachen Siegfried und Hagen gern mit fetten Diesellimousinen und Wehrmachtspanzern zur Brautschau gen Island auf. Seit Fernsehproduzent Nico Hofmann die Festspielintendanz übernahm, schreibt sein Hausautor Albert Ostermaier die alte Mär politisch und lyrisch ambitionierter in die Gegenwart fort. Der erste Streich 2015 war noch ein verworrenes, blutleeres „Gemetzel“, aber letztes Jahr inszenierte Nuran David Calis, Spezialist für „Glaubenskämpfer“ und bildgewaltige Theaterverfilmungen, „Gold“ als hübsch selbstironisches Making-of-Nibelungen. Siggi goes Hollywood: Das war schon mal ein guter Ansatz.

          In „Glut“, dem Schlussstein seiner G-Trilogie, rückt Ostermaier jetzt noch näher an die lodernde Realität heran: Der Nibelungen-Betriebsausflug führt diesmal in den Nahen Osten. Auf der Bühne sind siebzig Tonnen brennend heißer Wüstensand, zwei Wagen der Bagdadbahn und ein orientalisches Festzelt aufgebaut. Hagen ist ein deutscher Offizier in geheimer Mission, Etzel ein Scheich aus dem Morgenland, der türkische Polizeichef ein Möchtegernsultan, der am liebsten alle Ausländer, Journalisten und Schauspieler als Terroristen einsperren würde. Und er liegt ja auch nicht einmal ganz falsch mit seiner Paranoia: Tatsächlich schleichen deutsche Agenten und Spione, getarnt als Wanderzirkus Notung, mit bösen Absichten und Herrenmenschenallüren durch die Türkei. Diplomaten und Offiziere reisen erste Klasse, Artisten und Handwerker in der zweiten. Schon dieser Einfall verrät Ostermaiers Gespür für soziale Realitäten: Vor der Premiere klagten Nibelungen-Statisten öffentlich, man habe ihnen den Mindestlohn vorenthalten.

          „Glut – Siegfried von Arabien“ ist mehr als nur eine historische Fata Morgana. Im Ersten Weltkrieg war tatsächlich eine Delegation deutscher Undercover-Agenten um Oberst Fritz Klein im osmanischen Reich unterwegs; sie sollte die Muslime im Irak und in Persien zum Heiligen Krieg gegen die britischen Kolonialisten aufhetzen und womöglich in Basra Ölfelder sprengen. Siegfried von Xanten als deutsche Antwort auf Lawrence von Arabien, Kaiser Wilhelm als oberster Hadschi und Schutzherr aller Muselmänner: Das hätte eine Quelle von multikulturellen Missverständnissen und heroisch-komischem Slapstick werden können. Aber der deutsche Humor bleibt, wie Ostermaier richtig bemerkt, oft „im Hals wie ein Schwert stecken“, und die komplizierte Weltlage erfordert umständliche Erklärungen.

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          Im Salonwagen parlieren, intrigieren und erklären sich daher Vertreter der Achsenmächte und der Entente in länglichen Monologen. Waldemar Kobus’ englischer Lord ist vor allem mit Opium und Männerhintern beschäftigt, der Russe ist ein vulgärer Prinz, halb Rasputin, halb Putin. David Bennent macht aus Monsieur Vulture alias Rimbaud einen französisch-kultivierten Poeten des Todes. Oberst Klein (Heio von Stetten) ist dreifach gefordert als Zirkusdirektor, Dschihad-Propagandist und Proto-Nazi. Dokumentiert und erotisch forciert wird das wilde Treiben von der zwielichtigen Filmregisseurin Lady Adler, einer Mata Hari und Leni Riefenstahl der Wüste.

          Die Monologe der Geostrategen und Diplomaten sind aber nur eine der mindestens drei Ebenen von „Glut“. Die Zirkusleute sind nicht einfach nur verkleidete deutsche Kulturbotschafter, sondern leibhaftige Doppel- und Wiedergänger von Siegfried, Wotan und Alberich; einige singen sogar Wagner, ein Novum in Worms. Dennenesch Zoudés Kriemhild bleibt auch in der Hitze des Südens die kaltblütige schwarze Witwe. Aber Mehmet Kurtulus, unter der Tarnkappe des würdevollen Scheichs kaum noch als Barbar Etzel und Hamburger Tatort-Kommissar zu erkennen, lässt Gnade walten: Er schließt Blutsbrüderschaft mit seinen Gästen und mahnt unter Berufung auf Lessings Ringparabel zu Frieden, Toleranz und „ewiger Liebe“. Andernfalls, so prophezeit Lady Adler, werde der von Deutschen fahrlässig entfesselte Dschihad als Fluch und Flüchtlingskrise auf Europa zurückfallen. Im Schlusstableau zücken IS-Terroristen auf dem Zugdach schon mal Gewehre und Messer.

          Das Ensemble bei der Fotoprobe Bilderstrecke

          Die Götterdämmerung, die laut Peter Sloterdijk ja eigentlich eine Allah-Dämmerung sein müsste, wird vertagt. Ostermaiers Geschichtsbimmelbahn bleibt irgendwo zwischen Bagdad und Stambul im Sand stecken: Materialermüdung durch Überlastbetrieb. Agentenklamotte und Wagner-Oper, Völkerverständigungstheater und Karl-May-Abenteuer, die Eisenbahn als Weltmodell und Volkshochschule, die Theatertruppe als Wehrsportgruppe in Tarnuniform, Shakespeare- und Rimbaud-Zitate, Hexameter, Gott-ist-groß-Tätowierungen und zähnefletschende Schäferhunde, auf Großleinwand übertragen und untermalt mit Ethnopop aus Hirtentrommeln und Schilfrohrflöten: Was in Worms an Pathos, Prunk und politisch korrekten Zaunpfählen aufgeboten wird, ist einfach zu viel, zu wirr, zu hanebüchen und humorlos. „Wir sind Soldaten, keine Schauspieler“, schärft der Impresario seiner Compagnie ein, die „Theateridee“ sei bloß Tarnung für ein anderes, größeres Spiel. So ist es.

          Worms ist nicht Bayreuth. Nichts gegen Ehrengäste wie Petra Gerster, Andrea Nahles, Mutter Beimer oder den chinesischen Generalkonsul, aber verglichen mit den Königen und Meistersingern auf dem grünen Hügel sind es eben doch nur verkleidete Zinnsoldaten in der Wüste. Der Dom, von Scheich Omar schon als Moschee vereinnahmt, steht herrlich im Abendlicht, aber zu seinen Füßen sieht man mehr Asche als Glut und nichts von Rimbauds „Feuer im Bauch“. Ostermaier gibt die Nibelungen-Fackel jetzt erstmal ab, im nächsten Jahr sollen Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sie neu entzünden.

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