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Bayreuther Wagner-Museum : Zwischen Grusel und Liebe

  • -Aktualisiert am

Völkische Ästhetik und gemütvolle Verlogenheit: Wer sich im neu konzipierten Richard-Wagner-Museum seinen Weg durch Wagners Welt sucht, begegnet den Gespenstern einer vergifteten Rezeptionsgeschichte.

          6 Min.

          An dem Tag, der einer der schönsten seines Lebens sein sollte, wird Herr Friedrich gleich am Morgen von zwei Seiten unter Feuer genommen. Erst schneidet ihn scharf die Frau Bürgermeisterin, dann verpasst ihm die Wagnerurenkelin Nike öffentlich einen Rüffel. Sven Friedrich, Wagnerforscher, lebt und arbeitet nun schon seit 1993 in der Siebzigtausend-Seelen-Stadt Bayreuth. Zeit genug, um sich an fast jede Sorte Feuerzauber gewöhnt zu haben.

          Seit 22 Jahren also ist Friedrich nun schon im Schatten, aber irgendwie immer noch, trotz der 1973 per Stiftungsurkunde installierten Gewaltenteilung, im Dienste dieser sehr speziellen deutschen Künstlerfamilie tätig. Als Angestellter der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth verwaltet er das Nationalarchiv. Als Angestellter der Stadt ist er zugleich Museumsdirektor des Richard-Wagner-Museums im Hause Wahnfried sowie, in Personalunion, Direktor des unmittelbar benachbarten Franz-Liszt-Museums in der Wahnfriedstraße 9 und des Jean-Paul-Museums in der Wahnfriedstraße 1, welches vormals Wohnhaus des Rassentheoretikers und Wagnerschwiegersohns Houston Stewart Chamberlain gewesen war.

          Weg mit dem Pseudosamt!

          Auch das Arbeitszimmer Friedrichs liegt auf vermintem Terrain: im ersten Stock des sogenannten „Siegfried“-Hauses, direkt über jenem Kaminzimmer, in dem Winifred Wagner ehedem ihren Freund Adolf Hitler bewirtete. Friedrich spricht von einem „authentischen Ort“. Er sagt aber auch: „Im Hinblick auf die Einwerbung von Sponsorengeldern und Drittmitteln sind naturgemäß die Festspiele für uns wie ein schwarzes Loch, das alle Materie aufsaugt.“

          Als er das Richard-Wagner-Museum übernahm, war Haus Wahnfried ein verplüschter, mit Devotionalien im Stile der Gründerzeit möblierter Schrein, der im Schnitt 27.000 Besucher jährlich anzog, zwei Drittel davon während der sechs Festspielwochen im Juli und August. Schwerer roter Pseudosamt maskierte theatralisch die Fenster im Gartensaal. Erste Pläne zur Renovierung und Neugestaltung legte Friedrich der Stiftung kurz nach der Jahrtausendwende vor. Jetzt, nach fünf Jahren Schließzeit und einer Investition von zwanzig Millionen Euro Baukosten, wurde das Richard-Wagner-Museum, erweitert um unterirdische Archivräume sowie einen spektakulären Neubau von Volker Staab, wiedereröffnet an besagtem sonnigem Sonntagmorgen, als der Staatsempfang zur Feier der Festspieleröffnung erst wenige Stunden hinter allen Beteiligten lag.

          Zu Häppchen geschreddert

          Frau Merk-Erbe, Bayreuths Bürgermeisterin, spricht, wie der „Nordbayerische Kurier“ wachsam bemerkte, kein Wort mit Friedrich, das tun derzeit nur ihre Juristen. Sie hat ihm zwei Abmahnungen geschickt, sie will ihn loswerden. Wieso, wird nicht verraten, aber am übernächsten Tag wusste der „Kurier“ immerhin zu berichten, es seien Vermittlungsgespräche avisiert. Nike Wagner, die im Haus Wahnfried glückliche Kindheitstage verbracht hatte, hält eine brillant-ironische Rede. Sie wirft darin Friedrich vor, er habe es verabsäumt, Hans-Jürgen Syberbergs „Winifred“-Film in die neue Dauerausstellung des Museums zu integrieren. Wenige Tage später legt Syberberg selbst nach: Er klagt gegenüber der „Zeit“, das neue Wagner-Museum habe seinen legendären Film von 1975, in dem Winifred Wagner freimütig Auskunft gab über ihre Liebe zu Hitler, zwar zeigen wollen, aber nur ausschnittsweise, zu „ein paar Häppchen“ geschreddert. Wie das?

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