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Bayreuther Wagner-Museum : Zwischen Grusel und Liebe

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Für diese Gemengelage widerstreitender Gefühle und Gedanken gibt es keine einfache museumspädagogische Formel. Die Lösung besteht in der erklärten Transparenz, mit der diese Gemengelage selbst ausgestellt wird. Das neue Richard-Wagner-Museum mag zwar zur Stunde noch nicht in allen Details fertig sein. Aber es zeigt jetzt schon exemplarisch, dass eine Balance zwischen Aufklärung und Affekt möglich ist.

Gegenüber vom „Siegfried“-Haus, auf der rechten Flanke, liegt, flach und fast unsichtbar, der gläserne Museumsneubau. Er scheint zu schweben, ähnlich wie die Neue Nationalgalerie in Berlin. Im Souterrain geht es um die Bayreuther Festspiele, ihre Dirigenten, Aufführungen, Kostüme, Requisiten, Bühnenbildmodelle. Letztere sind, offenbar nibelungengerecht, in drei Etagen angeordnet. Die obersten können nur von Riesen, die untersten nur von Zwergen besichtigt werden. Die Ausstellung im Erdgeschoss gilt der Geschichte des Hauses Wahnfried, mit all seinen Bewohnern, Hunde inklusive. Und in Wahnfried selbst, Wagners Wohnhaus, geht es um Wagner. Um nichts sonst.

Kein Rundgang führt an der Leine

Das Haus wurde frei geräumt von allen Zutaten der Nachkommenschaft, zurückgebaut und restauriert, soweit möglich ohne Ersatzteile. Die falschen Vorhänge sind jetzt verschwunden, frei steht der Steinway, der 1876 zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele aus New York geschickt wurde, in der Halbrotunde des Wohnzimmers. Bilder, Lampen, Möbel, die es nicht mehr gibt, wurden weggelassen beziehungsweise durch Stellvertreter ersetzt, die mit weißen Hussen überzogen sind. Verfremdend wie ein Bühnenbild wirkt dieses imitierte Nicht-Mobiliar, und umso wirksamer inszenieren sich das „Sterbesofa“ oder das bisschen Geschirr, Brille, Stiefel, Parfümflakons in den Vitrinen. Dort finden sich auch einige Herzensdinge aus dem alten Musée sentimental wieder, etwa das König-Ludwig-Medaillon mit der Wagnerschen Haarlocke oder die „Original“-Walküren-Armspangen der Uraufführung. Fast wahllos dazwischengestreut die Schätze aus dem Archiv. So eine Zeichnung Isoldes, von Lenbach, im halben Profil, gerade erst erworben, oder Autographen in beleuchtbaren Schubladen, versteckt in den nur über Wendeltreppen erreichbaren Zwischengeschossen: Graphiken, Briefe, das handschriftliche Korrekturexemplar von Wagners Autobiographie „Mein Leben“, das Testament Eva Chamberlains.

Im Untergeschoss aber springt uns Wagners Denkmal an, es prangt im vergoldeten Tempel: ein Götzenbild. Das „Tristan“-Autograph daneben, eingesargt: eine Bibel. Während von nebenan respektlos das wahre Prunkstück des Museums herübertönt: Da lassen sich gerade ein paar Besucher von der „Interaktiven Partitur“ Harmonik und Leitmotive im „Lohengrin“ erklären. Stundenlang kann man sich damit aufhalten. Kein Rundgang führt uns an der Leine. Jeder muss oder darf sich seinen eigenen Weg suchen durch die Widersprüche von Wagners Welt. Will man etwas genauer wissen, hilft der Audioguide. Und mag man nicht mehr stehen: Im Gärtnerhaus, wo einst Friedelind zu Besuch war, gibt es jetzt ein Museumscafé.

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