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Bayreuther Wagner-Museum : Zwischen Grusel und Liebe

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Sind etwa immer noch Kriechströme der alten archaischen Verdrängungsängste unterwegs, am „authentischen Ort“? Herr Friedrich seufzt. Er erklärt (offenbar nicht zum ersten Mal): Es gebe ja hier neuerdings das Museumskino im Untergeschoss des Neubautraktes. In diesem Augenblick laufe dort gerade der zweite Aufzug „Tannhäuser“ in der Bayreuther Inszenierung Götz Friedrichs von 1978. Sein Vorschlag sei es gewesen, Syberbergs Film „Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried“ in diesem Kino in voller Länge zu zeigen, darüber hinaus sollte eine ganze Serie von Syberbergfilmen – eine veritable Retrospektive – gezeigt werden. Doch die Verhandlungen mit Syberberg seien gescheitert.

Konfrontation im Esszimmer

Nach wie vor vermarktet der die meisten seiner Filme selbst, sie sind im freien Handel nicht zu haben. Es ärgert Syberberg verständlicherweise, dass die Leute von der immerhin in fünf Filmstunden ausgebreiteten Lebensbeichte von Wagners nationalsozialistisch infizierter Schwiegertochter immer wieder nur die gespenstischen (auch auf Youtube auszugsweise einsehbaren) Ausschnitte sehen wollen, in denen sie aufs aufrichtigste und liebevollste ihres Hausfreundes Hitler gedenkt. Friedrich sagt: „Ja, wo sonst, wenn nicht hier, wo dieser Film entstanden ist, muss er gezeigt werden!“ Und er hoffe, „das letzte Wort“ sei noch nicht gesprochen. Wer aber doch Gespenstern begegnen möchte, der hat im Parterre des „Siegfried“-Hauses reichlich Gelegenheit.

Sie spuken dort herum im hellen Sonnenschein. Leer geräumt sind Arbeits- und Kaminzimmer Winifreds mit der Vollholztäfelung, mit den in völkischer Ästhetik grob-archaisch in grauen Fels gehauenen Tierkreiszeichen und dem Blick hinaus in den Garten auf den Brunnen mit dem steinernen Fisch – so leer und offen, dass sich die Phantasie selbständig machen kann. Voll eingerichtet ist nur das Esszimmer – so beklemmend direkt transportiert das dunkle klotzige Mobiliar das Flair einer gemütvollen Verlogenheit, wie sie noch in die Fünfziger hinüberlappte, dass es einem den Atem verschlägt. Kühl-lakonische Aufklärung dazu liefern die in den Fußboden eingelassenen Monitor-Kuben, mit Filmen, Bildern, Texten. Zum ersten Mal werden die Wagnerpilger an diesem geheiligten Ort, wo nebenan der Meister webte und lebte, konfrontiert mit der vergifteten Rezeptionsgeschichte der Wagnerschen Musik, mit den nationalsozialistischen Machenschaften seiner Nachkommenschaft, mit dem Antisemitismus, den er selbst ebenso verbreitete wie seine Anhänger.

Zwischen Aufklärung und Affekt

Das ist neu. Das war schon lange überfällig. Endlich! Für Bayreuth ist dieser intelligent zwischen Gefühl und Verstand, Identifikation und Distanz, Grusel und Liebe ausbalancierte Umgang mit der eigenen Geschichte, der zugleich entschieden mit der Intelligenz des Betrachters rechnet, geradezu eine Revolution. Das gemeinsam mit dem Stuttgarter Architekturbüro HG Merz und dem Architekten des Neubaus, Staab, ausgearbeitete Konzept des neuen Richard-Wagner-Museums hat sich Fragen gestellt, die sich eigentlich jedes Museum stellen müsste: Was geht mich das an? Wie lässt sich kritisch darstellen, was man liebt? Und, umgekehrt, zugeschnitten speziell auf den Fall Wagner: Wie ist es nur möglich, emotional so affiziert zu sein von etwas, das überwältigen, vereinnahmen will?

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