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Marthaler eröffnet Theaterfestival in Avignon : Lüge als Familienunternehmen

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Marthalers Mitras im Papstpalais Bild: AFP

Das Wunder aus der Waschmaschine: Zur Eröffnung des Theaterfestivals in Avignon hat Christoph Marthaler sein „Papperlapapp“ inszeniert. Doch im Palais des Papes wird die Papstbeschwörung zur Nummernrevue.

          Vor der hohen Fensterwand des Papstpalasthofs gibt es im Hauptprogramm des Festivals Avignon kein Entweichen, man muss sie bespielen oder umspielen. Wo die meisten Gastregisseure in den vergangenen Jahren sich für das Zweite entschieden haben, lässt Christoph Marthaler zusammen mit seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock sich aufs Spiel ein und schlägt mutig die Bälle seiner kleinen Einfälle gegen die Wand wie gegen einen Partner mit metaphysisch verlängertem Arm. Alle Dramen, Großtaten, Mythen, Verbrechen, deren Erinnerung in den Fugen dieses siebenhundert Jahre alten Steins haftet, haben ihre komisch alltägliche Seite, und auch das Heilige wirkt ebenerdig in der substantiellen Gleichsetzung von Blut, Cola und Wein, Waschmaschine und Reliquienschrein.

          Wenn der blinde Fremdenführer, der zu Beginn sein Grüppchen in den Papstpalast geleitet - „Hier entlang, meine Damen und Herren, par ici, s'il vous plaît“ - und sich beim Wort Gott jedes Mal auf die Zunge beißt, plötzlich in Verzückung fällt, hat das seine Gründe. Das heilige Grabtuch Christi dreht sich gerade in der Waschtrommel. „A miracle is happening“, jubelt der Führer, und tatsächlich sprühen die Funken aus dem nahen Beichtstuhl, wo ein Handwerker gerade das Gitter neu verschweißt. Die Besucher fallen auf die Knie: Touristen verwandeln sich zurück in eine Glaubensgemeinschaft. So weit Marthalers überzeugende Voraussetzung theatralischer Wesensverwandlung.

          Die Papstbeschwörung wird zur Nummernrevue

          Die Konsequenz aber, die er mit seinen üblichen Mitteln des Chorgesangs, der verwelkten Kleinbürgerpracht, der kleinen Stilbrüche und verrutschten Bedeutungen gut zwei Stunden lang in den Palasthof zaubert, musste leider so schiefgehen, dass Teile des Publikums vorzeitig lärmend die Metalltreppen hinabpolterten, als wäre es ein Teil der Aufführung. Anna Viebrock beschränkte ihre Vorgegenwarts-Archäologie diesmal aufs Parkett- und Kachelbodenmuster der Bühne und verteilte darüber einen Beichtstuhl, eine Cola-Kühltruhe, ein paar Waschmaschinen und sieben steinerne Grabfigurensockel, auf denen die Darsteller hingebreitet ab und zu Papst spielten. Die große Palastfront dahinter war frei gelassen worden. Von ihr drohte für die Aufführung das Unheil. Selten haben wir diese Stein- und Fensterkulisse in Avignon so schön ausgeleuchtet gesehen. Selten hat sie aber auch mit solcher Wucht eine Bühne erschlagen.

          Wo die Geburt von Christoph Marthalers Tragödie sonst im rein theatralischen Kunstraum sich subtil aus dem Geist des pianissimo gesummten Gesangs herausschält, im konstant fließenden Wechsel einer stehenden Zeit, knacken hier immerfort die Übergänge. Die Papstbeschwörung „Papperlapapp“ wird zur Nummernrevue im Palais des Papes. Wer zuvor das Heilige so erdnah definierte, kann nicht bei jedem Blick über die Ränder von Spott und Blasphemie hinaus Schwindelgefühle erwarten. Die Fallhöhe, aus der von den obersten Palastfenstern den Darstellern das Bischofsgewand herabgeworfen wird, das diese anziehen und sogleich zum Waschen in die Maschine stopfen, ist zwar enorm: so enorm wie jene, aus der danach zur Verpflegung die Sandwiches fallen. Doch dauert der Effekt immer nur so lange, bis die nächste Idee nötig wird.

          Ein Drall zum Unkontrollierten

          Da kehrt ein Prediger, der den Menschen kurz zuvor alles Unheil angedroht hat, mit dem Einkaufswagen wieder zurück in die Gemeinde. Diese kniet vor dem Wagen zum „Stabat mater“-Singen nieder, bevor ihr Tun von einer Alarmsirene unterbrochen wird. Während ein Minenräum-Techniker ans Werk geht, duckt die Gemeinde sich hinter die Grabstelen und summt innig das Auferstehungsthema aus Wagners „Parsifal“, das ein Harmoniumspieler in die Melodie von „Happy Birthday“ umwandelt. Eucharistie als Geburtstagsfeier. „Was fällt dir ein, wenn du Wein trinkst?“, fragt eine Frau einen Mann, dem dazu nichts einfällt. „Doch“, insistiert die Frau, „Dies ist mein Blut, habe er einmal gesagt, in Jerusalem.“ „Und die Wurst?“, witzelt der Mann zurück. „Angenageltes Fleisch“, lautet das Resümee des Verwandlungs-Geheimnisses, worauf der Harmoniumspieler auf dem ächzenden Stuhl sich jäh umdreht. Und so ächzen die Einfälle dahin.

          Es scheint, als wäre der Regisseur mit seiner Phantasie immer neu abgelenkt und in den Bann gezogen worden von diesem Ort, dem „Hauptquartier des europäischen Abenteuers“, wie ihn der Fremdenführer zu Beginn nennt. Ein Ort der Lüge, mitsamt ihren großen und ihren elenden Aspekten, suggeriert Marthaler, wenn er die Frauen ans Kopfende der päpstlichen Grabfiguren schickt und diesen im Plauderton alle Verlogenheiten der Kirchengeschichte bis hin zu Papst Benedikt XVI. in Erinnerung ruft. Die Lüge, meint ein Schauspieler, sei ein florierendes Familienunternehmen in der Welt. Ist das zum Lachen oder zum Weinen? Die subtile Unschlüssigkeit, in der bei Marthaler die Frage sonst schwebt, bekommt hier einen Drall zum Unkontrollierten. Das Häufchen Greise jedenfalls, das am Ende des Stücks zu einem „Kyrie eleison“ in den Lastwagen steigt, dem die Touristen zuvor entstiegen waren, wirkt so verloren wie das Premierenpublikum in Avignon.

          Ein Eröffnungsritual des Festivals ist nicht ganz Theater geworden, obwohl das für diesen Ort komponierte Stück nirgendwo anders zu sehen sein wird. Christoph Marthaler, der zusammen mit dem Schriftsteller Olivier Cadiot in diesem Jahr als „artiste invité“ des Festivals fungiert, hat bis zum 27. Juli aber genügend Überraschungen mitgebracht, um das Programm aus dem Hauptquartier des europäischen Abenteuers wieder heraus auf einen anderen Boden zu manövrieren. Andreas Kriegenburgs Gastspiel „Der Prozess“ nach Kafka von den Kammerspielen München, Guy Cassiers „Man zonder Eigenschappen“ nach Musil oder Jean-Baptiste Sastres Inszenierung von Shakespeares „Richard II.“ sollten ihm dabei behilflich sein.

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