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„Lohengrin“ in Bayreuth : Wahres Wunder, großer Jubel

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Mirakulös: Klaus Florian Vogt (Lohengrin) und Edith Haller (Elsa) Bild: Bayreuther Festspiele

Im Zeitalter der Ratten: Richard Wagners „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen wird dank Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und Andris Nelsons am Dirigentenpult zum Ereignis. Bayreuth 2014 erlebt einen ersten Triumph.

          Das Volk ist anspruchsvoll. Ein Wunder erwartet die Menge im ersten Akt von Wagners „Lohengrin“. Und diesmal, endlich, bekommt sie eins. Die Umstände im Festspielhaus von Bayreuth sind ein bisschen merkwürdig: Da trägt man einen Schwan im offenen Sarg herein, später wird der Vogel nochmals aus dem Schnürboden herabsinken, er sieht dann aber aus wie ein gerupftes Suppenhuhn.

          Auch hat der ersehnte Held, der durch eine Automatiktür das Brabanter Irrenhaus betritt, auf der Fahrt irgendwo seine Schwanenritterrüstung verloren. Ein weißes Hemd ist für ihn freilich Zurüstung genug. Denn als der Mensch zu singen anhebt, ist klar: Ja, dieser Held ist ein Wunder.

          Klaus Florian Vogt verrichtet seit Jahren sein Erlösungsritterwerk auf allen großen Bühnen, auch in Bayreuth. Bei der diesjährigen vierten Wiederaufnahme der „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels, die mit ihrer ins Surreale zielenden Bildersprache seit 2010 die Gemüter erregt, singt Vogt die Titelrolle mit einer Reinheit und Innigkeit, die staunen macht vor Glück. Schlafwandlerisch, als sei er wirklich nicht von dieser Welt, stellt Vogt kurzerhand alles in den Schatten. Solche Stimmen sind es, die ein Festival erst zum Festspiel machen.

          Das überirdische Geheimnis liegt bereits in der Stimme

          Vogts Timbre, dieser eigentümlich körperlose, wie ein nach unten oktavierter Knabensopran tönender Tenor, wird Geschmackssache bleiben. Heldisch ist die Stimme nicht, obwohl sie viel an Substanz in der Tiefe hinzugewonnen hat. Vogts Versuche in anderen Rollen waren daher nicht selten intelligente Kompromisse, sein durch und durch lyrischer Siegmund etwa, 2012 in der Münchener „Walküre“. Näher steht ihm schon der Stolzing, den er 2017 auch wieder in der „Meistersinger“-Produktion von Barrie Kosky auf dem Grünen Hügel singen soll. Keine Rolle jedoch passt besser zu diesem schwebenden Timbre als der Lohengrin, dessen überirdisches Geheimnis bei Vogt bereits in der Stimme liegt.

          Auch ein Triumph für die Inszenierung von Hans Neuenfels mit ihrer ins Surreale zielenden Bildersprache. Hier eine Szene aus dem ersten Akt mit dem Volk von Brabant

          Exemplarisch gelingt in der Bayreuther Aufführung die „Brautgemachszene“. Vom mild-verliebten „Das süße Lied verhallt“ bis zur strahlenden Expansion „aus Glanz und Wonne komm ich her“ zeigt Vogt eine unerhörte Bandbreite an Farben und Dynamik. Und wie tödlich desillusioniert klingt nach Elsas fataler Frage sein „Weh, nun ist all unser Glück dahin!“ Da halten, einschließlich der anwesenden Bundeskanzlerin, wohl alle kurz den Atem an im Festspielhaus.

          Selten hört man die Trauer um das Ende aller Utopien derart verdichtet zu einer einzigen Phrase. Sie berührt auch deshalb so stark, weil die Elsa von Edith Haller nicht die übliche dumme Gans ist. Sie handelt nicht als Werkzeug von Ortrud und Telramund. Sie fühlt sich vielmehr stark genug, das Geheimnis ihres Gatten zu teilen: „O mach mich stolz durch dein Vertrauen“, singt sie, ganz schlicht, und plötzlich wird die Tragik spürbar, dass er ihr ebendieses Vertrauen qua Gelübde nicht gewähren darf.

          Lichtwechsel, Eintrübungen, Ahnungen

          Andris Nelsons ist der ideale Partner am Pult für solche Seelen-Exaltation. Er ist ein Feingeist, der blechgepanzerte Korpsgeist der Massenszenen hat ihn immer schon weniger interessiert als der Lyrismus, all die zarten Lichtwechsel, Eintrübungen, Ahnungen in den Dialog-Szenen, die Neuenfels zusätzlich auf die Protagonisten fokussiert, indem er den Chor an ungewöhnlichsten Stellen, etwa beim Frageverbot, von der Bühne scheucht.

          Nelsons fügt instrumentale Glanzlichter hinzu, etwa zwei wie aus dem Nichts erblühende Klarinettensoli im dritten Aufzug oder die herrliche Streichergloriole nach Elsas „Es gibt ein Glück, das ohne Reu!“ Auch bei den finsteren Stellen der Partitur bleibt Nelsons nobel, sogar ein wenig zu nobel angesichts des handfesten Showdowns, den sich Petra Lang als Ortrud und Thomas J. Mayer als Telramund liefern.

          Wie in den Aufführungen von „Tannhäuser“ und dem „Fliegenden Holländer“ singt der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor auf überragendem Niveau - diese Spitzenleistung der Chöre bildet, bei allem sonstigen Auf und Ab, eine der wenigen künstlerischen Konstanten in Bayreuth. Dass Neuenfels den Chor fast durchweg in Rattenkostüme steckt, ist für die Sängerinnen und Sänger auch längst keine Gaudi mehr. Sondern eine wie selbstverständlich mit Bühnenleben erfüllte Metapher für den utopiefeindlichen Zustand unserer Welt. Großer Jubel.

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