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Kissinger Sommer : Die wunderbare Sanglichkeit von Goethes Versen

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Brahms im Quartett: Pianist Siegfried Mauser, Caroline Melzer, Olivia Vermeulen, Karol Kozlowksi und Wolfgang Holzmair (v. l.) Bild: Kissinger Sommer

„Liederwerkstatt“ im bayerischen Kurort: In neuen Werken, mal traditionell, mal extravagant, setzen sich zeitgenössische Komponisten mit Goethes Gedichten auseinander. Hier kann das Kunstlied frei atmen.

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          Der bayerische Kurort Bad Kissingen wird allmählich zu einer Wiege des zeitgenössischen Lieds. Jedes Jahr im Juli kommen hier Komponisten wie Wolfgang Rihm, Aribert Reimann oder Manfred Trojahn über mehrere Tage zusammen, um gemeinsam mit Sängerinnen, Sängern und Pianisten in einer „Liederwerkstatt“ frisch komponierte Werke zur Uraufführung zu bringen. Dieser künstlerische Austausch über einen langen Zeitraum, dazu die Probenprozesse und schließlich die einzigartige Dramaturgie der beiden Liederabende, die das Ergebnis dessen sind, fügen sich zu einem erstaunlichen Vorhaben.

          „Gretchens Engel“ lautet der Titel des Liedes, das Jan Müller-Wieland diesmal mitgebracht hat. Er hat es komponiert - aber er hört es bei der Probe zum ersten Mal. Olivia Vermeulen verkörpert mit ihrer kernig-hellen Silberstimme die titelgebende Gestalt, ihre Stimme liegt stets einen Halbton über den Klavierakkorden, die Axel Bauni, der musikalische Leiter der „Liederwerkstatt“, wuchtig anschlägt. Gebannt beugt sich Müller-Wieland vor, bald ist er nur noch wenige Zentimeter von den Musikern entfernt. Später folgen dem gelungenen Probendurchlauf inspirierte Diskussionen: Wie unterscheiden sich Müller-Wielands Vorstellungen von denen, die Bauni und Vermeulen letztendlich aus seinem Notentext herauslesen? Jeder Takt, jede Nuance kann nun abgestimmt werden.

          Bei einer so kurzen, verdichteten Form wie dem Kunstlied ist allumfassendes Verständnis der Sänger für die Motive und die Gefühlslage des Gesangsparts, eine „Rolle“, die sie für nur wenige Minuten verkörpern, besonders wichtig. Und um dem Zuhörer im scheinbar abstrakten Klangbild des zeitgenössischen Liedes eine überzeugende und Halt gebende Stütze zu sein, braucht es umso mehr Sicherheit und Überzeugungskraft.

          Die Dissonanzen der Liebe

          Die „Liederwerkstatt“, die von der Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger im Rahmen des Kissinger Sommers veranstaltet wird, erinnert tatsächlich ein wenig an das Ideal der Schubertiaden, wenn Pianisten, Sänger und Komponisten aufeinander und am Ende dann, bei den Konzerten im Rossini-Saal, auf ihr Publikum treffen. Das Reizvolle an der Dramaturgie dieser Abende ist, dass neben den Uraufführungen der neuen Stücke andere Lieder stehen, bekannte, aber auch unbekannte, von Komponisten wie Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Carl Friedrich Zelter. Programm und Abfolge werden von Bauni, der als Professor für Zeitgenössisches Lied an der Berliner Universität der Künste lehrt, zusammengestellt, dabei rückt er jedes Jahr einen Dichter in den Mittelpunkt. In diesem Jahr geht es wieder einmal um Johann Wolfgang von Goethe.

          Denn da ist einerseits diese wunderbare Sanglichkeit der Goetheschen Verse, da sind andererseits die schon in sich musikalisch perfekt gefügten Gedichte, doch drittens gibt es eine einschüchternde Fülle von Goethe-Vertonungen. Kann man diese so oft rezipierten Sprachkunstwerke noch einmal neu mit Musik ausmalen? Drei der Komponisten der „Liederwerkstatt“ haben auf die Vertonung eines lyrischen Goethe-Textes verzichtet.

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