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Bayreuth: „Tristan und Isolde“ : Diese Leidenschaft braucht keinen Liebestrank

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Himmelhöchstes Weltentrücken: Evelyn Herlitzius als Isolde und Stephen Gould als Tristan im zweiten Aufzug Bild: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa

Vollendet locker und dabei präzise bringt Christian Thielemann „Tristan und Isolde“ zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele zum Klingen. Die Inszenierung von Katharina Wagner dagegen wirkt so zeit- wie zahnlos.

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          Rastlos, nervös, auf feurigen Sohlen: So eilen Fagott und Bassklarinette durch den nächtlichen Garten. Gleich rennen die Celli hinterdrein, auch die Oboe drängt, sie sprüht pure Sehnsucht, die Flöte, das Liebesmotiv dazwischenblasend, kann die Ungeduld der Orchesterkollegen weder bremsen noch beruhigen, im Gegenteil: Sie beschleunigt nur die kollektive agogische Raserei. Diese herzklopfende Dynamik! Dieses schattenhafte Hin und Her! Jedes einzelne Instrument im Abgrund des Bayreuther Orchestergrabens ist zu Beginn dieses zweiten Aufzugs höchst alarmiert, sie alle sind betroffen. Sie warten gemeinsam mit Isolde auf Tristan. Und warten, und warten, in stiller Raserei.

          Sie halten erst inne und die Luft an, als auf dem Theater, hinter der Szene, die ersten gestotterten Triolen der Jagdhörner ertönen, die anzeigen: Weit genug weg sind jetzt die Gefahren der Wirklichkeit. Endlich kann der Mann kommen, kann die Nacht der Liebe herniedersinken. Wer dieses Vorspiel einmal gehört hat, der vergisst es nie wieder. Es ist dies eine der schönsten Stellen, die Richard Wagner je erfand, um den wirren Seelenzustand einer seiner Figuren abzumalen. Schärfe und Süße braucht es dazu, Eloquenz und Transparenz. All dies bietet das Bayreuther Festspielorchester im Übermaß auf, ja es hievt diese raffinierte Szene so adäquat auf die Hörbühne, malt sie so atemraubend farbig leuchtend, so locker und präzise aus, wie das nur wenigen Dirigenten je glückte - Christian Thielemann ist einer von ihnen, und er ist an diesem Premierenabend zur Eröffnung der Festspiele vom ersten, pianissimo-bebenden Auftakt der Einleitung an in Spitzenform.

          Hat er sie geküsst oder gewürgt?

          Thielemann, seinen Musikern und Sängern, obliegt an diesem Abend fast allein die Aufgabe, die uralte Mär von den Königskindern zu erzählen, die nicht zueinander kommen können, und zwar in allen tonmalerischen Einzelheiten, inklusive Seegang und Zaubertrank, Ritterehrverlust und Vasallenverrat. Die Bühne aber zeigt etwas anderes. Der zweite Aufzug zum Beispiel spielt nicht auf der Cornwall-Königsburg, mit Garten und Söller, von dem aus die treue Brangäne ihren Warnruf tönen lassen könnte, vielmehr in einer filmreifen Kammer des Schreckens, mit futuristisch geformten eisernen Jungfrauen, die lautlos aus den Wänden herauswachsen und die Protagonisten gefangen nehmen oder freilassen, je nach Laune. Teils sehen diese Folterinstrumente aus wie Fahrradständer, teils wie Drehtüren, teils wie Schrott. Vielleicht spielt die Story also im Weltraum, vielleicht in einem Albtraum. Jedenfalls hat sich die Festspielleiterin und Regisseurin Katharina Wagner von ihren Bühnenbildnern Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert drei entschieden abstrakte Räume bauen lassen, Akt für Akt: Jeder ist für sich fotogen, aber dunkel, alle sind technisch enorm aufwendig, aber störanfällig. Und mehr als einmal knarzt oder klappert dieser Maschinenpark hinein in die Musik.

          Im Liebestrank-Aufzug, wenn sich die graue Wagnergardine erstmals hebt, erblicken wir einen der „Erfundenen Kerker“ von Giovanni Battista Piranesi, ins Alu-Design übersetzt; ein Labyrinth aus Treppchen, Brücken, Stegen, die willkürlich wegklappen und den Durchgang versperren können, auch fahren Aufzüge rauf oder runter, so dass Tristan und Isolde, die gleich von Anfang an ganz verrückt nacheinander sind, nie zusammenkommen können. Sehr ulkig, als sie ihre Anstandswauwaus, Kurwenal und Brangäne, endlich doch mit Hilfe der Hydraulik austricksen. Da stehen die beiden nun madonnenblau auf einer Brücke herum, wie zwei Ölgötzen oder wie zwei singende Schrankwände, ein kleiner und ein großer, und der kleine Schrank wirft sich dem großen jubelnd an den Hals. In der ersten Reihe will jemand (eines der vielen in der ersten Pause, als Kanzlerin Merkel im Festspielrestaurant ein Stuhlbein wegbrach, herumgereichten Gerüchte) erspäht haben, dass Isolde von Tristan aus diesem Anlass heftig gewürgt worden sei. Aus Reihe 25 indes sah es eher so aus, als habe er sie heftig geküsst. Wie dem auch sei: Leidenschaft war auf jeden Fall dabei, und das ganz ohne Liebestrank.

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