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„Jeanne d’Arc“bei den Salzburger Festspielen : Wenn der Zweifel triumphiert

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Das darf Felsenreitschule machen: Selten haben Bläser in so schöner Umgebung gespielt wie bei der Salzburger Darbietung von Walter Braunfels’ „Jeanne d’Arc“. Bild: Silvia Lelli

Konzertant und konzentriert: Die Salzburger Festspiele schmücken sich mit der Oper „Jeanne d’Arc“ von Walter Braunfels. In den musikalischen Vordergrund drängen sich dabei zwei männliche Figuren.

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          Bei einem elitären Festival wie den Salzburger Festspielen muss jede Veranstaltung einzigartig sein: ein die Konkurrenz überstrahlendes Juwel. Gerade in Salzburg tut man sich deshalb schwer, thematische Leitlinien durch das Programm zu ziehen, Konzerte und Aufführungen durch den roten Faden eines Mottos miteinander zu vernetzen. Denn was Teil einer Veranstaltungsreihe ist, steht nicht mehr ganz so einzigartig da, schlimmer noch: Der Besucher wird regelrecht verlockt, Vergleiche zu ziehen zwischen Ereignissen, die unvergleichlich sein sollen.

          Alexander Pereira, der im Herbst 2014 vorzeitig nach Mailand echappierende Intendant, hat mit der auf geistliche Themen im weitesten Sinne fokussierten Reihe der „Ouverture spirituelle“ dennoch einen originellen dramaturgischen Pfad durch den Salzburger Programmdschungel geschlagen, der Verbindungen zwischen den Festivalsparten schafft. Im Zentrum steht in diesem Sommer die Figur der Jeanne d’Arc: die 1920 heiliggesprochene „Jungfrau von Orléans“.

          Rehabilitation nach dem Krieg

          Auf Michael Thalheimers Inszenierung der gleichnamigen „Romantischen Tragödie“ von Friedrich Schiller folgte jetzt in der Felsenreitschule die konzertante Erstaufführung der Oper „Jeanne d’Arc“ von Walter Braunfels. Eine weitere konzertante Produktion, Giuseppe Verdis selten gespielte Oper „Giovanna d’Arco“ mit Anna Netrebko und Plácido Domingo, wird den Reigen beschließen. Braunfels schrieb seine Johanna-Oper in den Jahren 1938 bis 1942, das Werk ist ein Zeugnis innerer Immigration, nachdem man den „Halbjuden“ Braunfels im „Dritten Reich“ aller Ämter an der Kölner Musikhochschule enthoben und ihm Berufsverbot erteilt hatte.

          Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und Pavol Breslik, Juliane Banse (Johanna), Manfred Honeck, Ruben Drole - er singt den Part des Herzogs von La Trémouille - , Johannes Dunz und Thomas E. Bauer (von links)
          Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und Pavol Breslik, Juliane Banse (Johanna), Manfred Honeck, Ruben Drole - er singt den Part des Herzogs von La Trémouille - , Johannes Dunz und Thomas E. Bauer (von links) : Bild: Silvia Lelli

          Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte Konrad Adenauer als Oberbürgermeister zwar für Rehabilitierung; doch dem Spätromantiker Braunfels, der sich in einer Traditionslinie mit Berlioz, Wagner, Bruckner und Pfitzner sah, blieb die Anerkennung durch die Nachkriegsavantgarde versagt. Seine „Jeanne d’Arc“ kam erst 2001 in Stockholm postum zur Uraufführung, die szenische Premiere folgte 2008 an der Deutschen Oper Berlin in einer Produktion nach Entwürfen von Christoph Schlingensief.

           Mit einer deutlichen musikalischen Steigerung

          Braunfels hat seine Oper im Untertitel „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ genannt und fügte dem selbstverfassten Libretto den Hinweis hinzu: „nach den Prozessakten von 1431“. Mit dem dokumentarischen Charakter ist es indes nicht weit her: Braunfels, der im Juni 1918 nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg zum Katholizismus übertrat, geht es weniger um die historische Gestalt der französischen Nationalheldin als um deren Heiligsprechung und Legende. Seine „Handlung in drei Teilen“ ist, wie Wagners wesensverwandter „Parsifal“, arm an äußerer Handlung; das Werk tendiert entschieden zum Oratorium, zum Mysterienspiel. Schlingensief behalf sich 2008 mit der für ihn typischen Assoziations- und Bilderflut, in der verschiedenste religiöse Bräuche, Kult- und Huldigungsrituale zu wildem Synkretismus verquirlt waren. In Salzburg ist man dagegen aufs innere Auge, auf die eigene Imaginationskraft verwiesen - was dem Stück eher hilft.

          Die dramaturgischen Probleme des Textbuchs, das an Stelle lebendiger Charaktere singende Prinzipien gegeneinander antreten lässt, mögen erklären, warum sich „Jeanne d’Arc“ bislang nicht im Repertoire etablieren konnte. Obendrein sind, angefangen vom Siegeszug der kriegerischen Jungfrau bis zu deren Tod auf dem Scheiterhaufen, gerade die operntauglichsten Momente des Stoffes ausgespart oder allenfalls als Teichoskopie im Bericht Dritter zu erleben. Die Musik füllt diese Leerstellen nur teilweise, obwohl sich das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien unter Manfred Honeck und der Salzburger Bachchor mächtig für Braunfels ins Zeug legen. Auch die insgesamt sechzehn Solisten, überstrahlt von der berührend schlicht gestaltenden Juliane Banse in der Titelrolle und Bryan Hymel als ihr Schutzengel Michael, tun ihr Bestes, um der melodisch spröden Musik die nötige Kontur und vor allem gegen Ende eine geradezu ekstatische Ausdruckswucht zu geben.

          Inmitten des Weihrauchnebels entsteht freilich, wie so oft, das Paradox, dass gerade die Gegenspieler und Zweifler lebensnäher, menschlicher wirken als die mit Harfenrauschen und Blechbläserchorälen verklärten Lichtgestalten. Ruben Drole stellt in der Rolle des Herzogs von La Trémouille das Sendungsbewusstsein Johannas grundsätzlich in Frage; wo andere Wunder erblicken, erkennt der vom Dasein ernüchterte Rationalist bloß Wahn. Und Johan Reuter artikuliert als Gilles de Rais machtvoll die Zerrissenheit des Gläubigen, die auf Erden nie sich erfüllende Sehnsucht - nach Gewissheit.

          Ward Jeanne d’Arc wirklich vom Himmel ausgesandt zur Rettung Frankreichs? Uns graust es heute angesichts einer solchen politisch-religiösen Legendenbildung. Bezeichnenderweise hat Braunfels dem Zweifel, wohl entgegen seiner Absicht, die interessanteste Musik des Abends zugestanden.

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