https://www.faz.net/-gs3-70lz7

„Glaube Liebe Hoffnung“ bei den Wiener Festwochen : Das doppelte Lieschen

  • -Aktualisiert am

Tote Hose im Anatomischen Institut: Christoph Marthaler macht viel Lautsprecherlärm um Horváth, aber richtig überzeugend ist am Ende nichts Bild: Walter Mair

Ödön von Horváth nannte sein Fräuleinuntergangsdrama „Glaube Liebe Hoffnung“ einen „kleinen Totentanz“. Bei den Wiener Festwochen macht Christoph Marthaler daraus einen großen Gesangsverein.

          Es geht sehr schnell. Nach fünf kurzen Akten als Bildern (der Autor malt sie al fresco, grausam klar schraffiert) stirbt Elisabeth. Sie geht ins Wasser. Weil sie „nichts mehr zum Fressen“ hat. Vorher aber „graust es sie noch lange vor gar nichts“. Sie borgt sich von einem Vizepräparator im Anatomischen Institut, dem sie ihre Leiche schon mal zum Vorausverkauf anbietet, damit sie „was zum Fressen hat“, hundertfünfzig Mark für einen Wandergewerbeschein, bezahlt damit aber die Strafe, die ihr wegen ambulanten Korsett- und Hüftgürtelhandels ohne Wandergewerbeschein aufgebrummt wurde. Der Betrug fliegt auf. Vierzehn Tage Gefängnis, was sie dem Polizisten Alfons verschweigt, den sie liebt, der ihr zwanzig Mark die Woche gibt, sie aber verlässt, als die Kripo ihn auf Elisabeths Vorleben aufmerksam macht. Dann erst geht sie ins Wasser.

          Elisabeth befindet sich in einem Sturzflug aus der Welt der Wirtschaftskrise von 1932, bei dem sie sich trotzig an drei Strohhalmen festzuhalten versucht, die auch den Titel ihres Stücks abgeben, ohne Punkt und Komma: „Glaube Liebe Hoffnung“. In der Regieanweisung steht: „Sie stirbt leicht.“ Ihr Dramatiker Ödön von Horváth nimmt Elisabeth wie alle seine Fräuleins in allen seinen Dramen sehr ernst. Wie Marianne („Geschichten aus dem Wiener Wald“), Christine („Zur schönen Aussicht“), Karoline („Kasimir und Karoline“) und Anna („Der Jüngste Tag“) sucht Elisabeth nach einem Paradies. Über dem ein Stern aufgeht - gebastelt aus den drei Strohhalmen „Glaube Liebe Hoffnung“ (alle seine Stücke könnten so heißen, hat er einmal gesagt). Den Stern hat Elisabeth in ihrem Kopf. Dort liegt ihr Paradies. Aber sie stürzt schnell.

          Baukastenmäßig uninspiriert

          Es geht sehr langsam. Nach dreieinhalb endlosen Stunden in der Halle E des Museumsquartiers stirbt Horváths Elisabeth bei den Wiener Festwochen nicht. Sie stürzt auch nicht aus einer Welt. Von Krise keine Spur. Sie bleibt einfach liegen. In fünffacher Ausfertigung. Drei der fünf Elisabethen, die da in ihren langen, schwarzen Haaren und kurzen Röcken herumliegen, sind Statistinnen und mimen komisch eine Selbstmordepidemie. Zwei davon, gespielt von Olivia Grigolli und Sasha Rau, stehen wieder auf, umarmen einander zärtlich und steigen lesbisch verschlungen in ein großes Schubladenbett linker Hand, das sich in die Wand des Anatomischen Instituts schieben lässt. Worin es sich die beiden womöglich wohl sein lassen. Ihr Paradies liegt, wenn überhaupt, in der Kiste. Von ihrem Kopf war nichts zu sehen.

          Sturzflug aus der Welt der Wirtschaftskrise: Ueli Jäggi als Schupo und Olivia Grigolli als Elisabeth

          In richtigen Anatomischen Instituten sind solche Kisten aus Edelstahl, und es liegen Leichen drin, hier sind sie aus Holz, und es krabbeln Elisabethen hinein. Es ist gemütlicher. Und wärmer. Und passt auch besser zum hohen Glastürenarrangement in der Klinkerfront und den Kabinen dahinter, durch deren matte, vorhangbewehrte Scheiben man wächserne Schaufensterpuppen ahnt. Über den hohen Glastüren ein Mauervorsprung, auf dem das Anatomische Institut in Großbuchstaben nur rudimentär als „ANAT . M.......INST“ firmiert. Als wolle das Institut, das die Bühnenbildnerin Anna Viebrock etwas baukastenmäßig uninspiriert entworfen hat, gar nicht so genau wissen, was es ist.

          Schal gewordenes Theater im Theater

          Der Regisseur Christoph Marthaler, der vor sechzehn Jahren die Schauspielerin Olivia Grigolli in Hamburg durch Horváths Sehnsuchtswörtersee in „Kasimir und Karoline“ hinreißend atemvoll hat tauchen und sie vor zehn Jahren in Salzburg als Christine in Horváths „Zur schönen Aussicht“ als überwältigende Venus im roten Anorak aus allem Männerabschaumwasser grandios hat auferstehen lassen - traut ihr jetzt offenbar nichts mehr zu. Er macht sie als Elisabeth zum doppelten Lieschen. Im Anatomischen Institut. Das sie nicht verlässt. Sie darf nicht hinaus in die Welt. Sie bleibt mit ihrer Doppelgängerin im Institut kleben. Höchstens dass diese ein blaues Kleid trägt, wenn sie ein rotes anhat, aber alles, vom Präparator-Anpumpen über das Mit-Schupo-Alfons-Schlafen, das Korsettverkauf-Abrechnen bei der Dessous-en-gros-Herrscherin Prantl bis hin zum Tod, synchron mit ihr erledigt. Ohne dass das zur Figur etwas hinzuzufügen vermöchte.

          Weitere Themen

          Der Wortschnuppenfänger

          Rühmkorf-Ausstellung : Der Wortschnuppenfänger

          Arbeit am narbengesichtigen Sudelbrett der Poesie: Hamburg zeigt die erste große Ausstellung zu Leben und Werk des Dichters Peter Rühmkorf im Altonaer Museum. Das wurde auch Zeit.

          So und nicht anders

          Roman von Matthias Brandt : So und nicht anders

          Es ist nicht leicht, sechzehn zu sein: Matthias Brandt erzählt in seinem Roman „Blackbird“ von einer Jugend in den Siebzigern. Er tut es mit einem traumhaft sicheren Gespür, wovon man reden muss und was man weglässt.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.