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„Gawain“ bei den Salzburger Festspielen : Euer Held? Das bin ich nicht!

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Performance-Kunst auf der Riesenbühne der Felsenreitschule; in der Mitte der britische Bariton Christopher Maltman Bild: dpa

Joseph Beuys beherrscht die Bühne. Harrison Birtwistles mythenschwere Artus-Oper „Gawain“ eröffnet den Premierenreigen bei den Salzburger Festspielen.

          König Artus sitzt im Rollstuhl. Von all seiner Macht und Größe ist wenig geblieben. Die hehre Ritterschar? Ein zerlumpter Haufen. Und doch steht dem Alten der Sinn noch immer nach Heldentaten. Zur Not muss eben die Phantasie aushelfen, wenn die Gegenwart keinen Platz mehr hat für Helden. Die Gegenwart, das ist in Salzburg eine finstere Vision des Jahres 2021. In einer dieser postapokalyptischen hoffnungslosen Zukunftswelten lässt der Regisseur Alvis Hermanis die Oper „Gawain“ von Harrison Birtwistle spielen. Birtwistles Werk, 1991 an Londons Royal Covent Garden Opera uraufgeführt und bis 1999 mehrfach revidiert, besetzt nach den „Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann 2012 in diesem Sommer die Position der modernen Oper im Programm der Salzburger Festspiele.

          Das Stück ist eine überraschend originelle, aber auch fast diplomatische Wahl im Dreifachjubiläumsjahr von Verdi, Wagner und Britten. Denn Birtwistle nimmt sich das Beste aller drei Welten, um daraus ein Musiktheater zu schaffen, das seinen Avantgardismus raffiniert als Traditionsverbundenheit tarnt.

          Von Verdi stammt die formale Präzision der szenischen Abläufe und der selbst im Atonalen stets melodiöse Umgang mit den Stimmen. Von Britten, dem Übervater der englischen Moderne, den Birtwistle noch 1968 mit seinem Opernerstling „Punch and Judy“ aus dem Theater trieb, stammt das Gespür fürs Atmosphärische. Am stärksten aber ist der Bezug zu Wagner: „Gawain“ ist der grandiose Versuch, die englische Sagenwelt so für das Musiktheater der Gegenwart fruchtbar zu machen, wie Wagner dies im 19. Jahrhundert mit seinen Mittelalterstoffen und der Nibelungensaga gelang.

          Schlagwerk für die Magengruben

          Der Urzeiten auslotende Beschwörungston des Wagnerschen „Ring“-Orchesters klingt bei Birtwistle unmittelbar nach. Seine Partitur, in Salzburg vom ORF Radio-Symphonieorchester unter Leitung von Ingo Metzmacher dicht und klangintensiv realisiert, verlangt neben pultweise geteilten Streichern in „Lohengrin“-Manier eine gewaltig raunende Bass-Sektion mit drei Tuben, Euphonium, drei Posaunen samt Kontrabassposaune, neun Kontrabässe und allerlei magengrubenstrapazierendes Schlagwerk.

          Vom späten Wagner des „Parsifal“ übernehmen Birtwistle und sein Librettist David Harsent die antidramatische, stark ritualisierte Gestaltung der Handlung. Nicht mehr das „Was“ ist hier entscheidend, nicht der einzelne szenische Vorgang, sondern das „Wie“, die Art, in der die Musik das Geschehen sinnerweiternd nacherzählt, strukturiert, überhöht. Die Handlung des gut dreistündigen Werks, die der mittelenglischen Romanze „Sir Gawain and the Green Knight“ folgt, lässt sich denn auch knapp schildern. Am Hof von König Artus erscheint der Grüne Ritter und fordert die Helden der Tafelrunde zu einer seltsamen Mutprobe: Der Kühnste unter ihnen möge ihm den Kopf abschlagen, anschließend müsse er seinerseits dem Ritter in dessen Grüner Kapelle Revanche bieten.

          Gawain, Tapferster der Tapferen, nimmt an. Mit der Axt enthauptet er den Fremden - doch dessen Kopf singt weiter und erinnert den Helden an den zweiten Teil der Abmachung. Gawains einjährige Reise in das märchenhafte Gegenreich des Ritters wird, wie bei Kollege Parzival, zum Selbstfindungstrip voller Irrungen und Prüfungen. An dessen Ende steht nicht der sichergeglaubte Tod, sondern die Befreiung aus der morschen Artuswelt.

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