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Dieter Dorn inszeniert Beckett : Die Wörter, die übrig bleiben

Blinder Seher auf dem Thron: Hamm (Nicholas Ofczarek) und sein Diener Clov (Michael Maertens). Bild: Salzburger Festspiele/Bernd Uhlig

Die Kanzlerin war auch dabei, als Dieter Dorn seine Inszenierung von Samuel Becketts „Endspiel“ bei den Salzburger Festspielen vorstellte. Was fand sie wohl in diesem Stück größtmöglicher Bewegungslosigkeit?

          Dafür dass angeblich schon alles gesagt ist, wird in Becketts „Endspiel“ ziemlich viel geredet. Hauptsächlich von Hamm, der blind und gelähmt in seinem Sessel sitzt und seinen Diener Clov schikaniert. Dazu ist alle Zeit in einer Welt, die es nicht mehr gibt. Sie ist untergegangen, nur die Wörter sind geblieben, die nichts mehr taugen. Ein wenig Erinnerung lebt noch, in Form von Hamms Eltern, Nagg und Nell, die beinlos in Mülltonnen auf den Tod warten. Da Hamm über den Schlüssel zum Vorratsschrank regiert, aber nur der steifbeinige Clov die Vorräte verteilen kann, sind alle aufeinander angewiesen und wollen doch nur voneinander fort.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Soweit die Ausgangslage, die Samuel Beckett für seinen 1957 in London in der französischen Erstfassung uraufgeführten Postapokalypse-Einakter mit genauen Regieanweisungen hinterlassen hat. Zusammen mit Elmar Tophoven übersetzte Beckett das Stück ins Deutsche und erst von dort ins Englische. So wurde aus „Fin de Partie“ das deutsche „Endspiel“ und schließlich „Endgame“. Dass heutzutage die meisten Zeitgenossen an die Fußballerei denken, war keineswegs geplant. Es sei denn, man begriffe das Stück als immerwährendes Elfmeterschießen.

          Ein Spiel auch übers Spielen auf dem Theater, ein Prüfverfahren, um nach Weltkrieg und Atombombe Sprache auf ihre Tauglichkeit zu testen, und ein Folterstüberl für Zuschauer, die auf irgendeine Art von Entwicklung oder Handlung hoffen. Da alles zu Ende ist, ist alles gleichzeitig lächerlich und gähnenswert langweilig, auch das die Botschaft dieser Parabel über die Vergeblichkeit. „Warten auf Godot“ nimmt sich dagegen wie ein heiterer Familienfernsehabend aus.

          Wie der freakige Vordenker einer Rocker-Gang

          Bei den Salzburger Festspielen hat sich der achtzigjährige Regisseur Dieter Dorn nach langer Theater-Abstinenz dieses gar nicht so häufig gespielten Klassikers angenommen. Sein langjähriger Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose hat ihm dazu einen tristen Guckkasten gebaut, der von der Hinterbühne her ganz nach vorn an die Rampe gefahren wird und der sich ansonsten treu an die Anweisungen des Autors hält. Einzig das Licht ist nicht wirklich „trüb“. Dafür sind die beiden Fenster, hoch oben an der Rückwand, durch die links das Meer und rechts die Erde sichtbar sein sollten, mit grauer und braunschwarzer Farbe gestrichen, um klarzumachen - dort draußen gibt es nichts. Die Mülltonnen links, Hamm auf seinem Thronsessel auf Rädern in der Mitte, vorne rechts die Klappe, die in Clovs Küche im Untergeschoss führt, alles mit schweren Bettlaken verhängt, die Clov herunterzieht, damit das Spiel beginnen kann.

          Michael Maertens spielt diesen verschwitzten, sich abrackernden, tief gebeugten Diener mit flackerndem Blick und mit großem körperliche Einsatz. Er stöhnt und ächzt, wenn er wieder und wieder hinabsteigt in sein Reich, um die Requisiten der alten Welt heraufzuholen, die Leiter, den Fernstecher, einen Bootshaken, Insektenvernichter, Zwieback, einen dreibeinigen Stoffhund, einen rasselnden Wecker. Von Hamms Pfeife zum Tanzen gebracht, wuchtet er sich zu den Fenstern hinauf, der Motor eines Theaters des Stillstands.

          Nicholas Ofczarek sitzt als Hamm im schäbigen Morgenmantel, kahl unter dem Käppi, mit fadendünnem Haarkranz, lichtem Bart und einer spiegelschwarzen Nickelbrille auf seinem Thron. Er bemüht alle Register, ist hochfahrend, pathetisch, verschlagen, brutal, dann wieder ölig schmeichelnd wie einer, der wüsste was Einfühlung bedeutet. Ein blinder Seher, der es zum Denker nicht mehr bringen wird. Dass er dabei gelegentlich wie ein freakiger Vordenker einer Rocker-Gang wirkt, legt den Verdacht nahe, er fühle sich in dieser Rollenhaut nicht ganz wohl.

          Unter aufmerksamer Beobachtung der Kanzlerin

          Leichteres Spiel haben Barbara Petritsch als Nell und Joachim Bißmeier als Nagg, weil sie als fingerzittrige, sprechende Köpfe wenigstens noch auf ein Leben blicken, wie absurd auch immer es nun enden mag. Bei einem Tandemunfall in Sedan verloren beide ihre Beine. Jetzt sind sie menschlicher Restmüll; einander erreichen, und sei es für einen Kuss, können sie nicht mehr. Ihrem Monstersohn, der sie abwechselnd hasst und als Publikum für seinen „Roman“ missbraucht, sind sie in herzlicher Abneigung zugetan.

          Dieter Dorn hat in den langen Jahren seiner beiden Münchner Intendanzen nur einmal selbst Beckett inszeniert („Glückliche Tage“). Was ihn am „Endspiel“ gereizt haben mag, verdeutlicht seine Interpretation des Stückes als Metronom einer Zeit, in der der Mensch die Revolte hat fahrenlassen müssen: Als Hirn in der Tonne vegetiert er, der Lächerlichkeit preisgegeben. Mit seinen vier exzellenten Schauspielern holt Dorn als unermüdlicher sprachlicher Präzisionsarbeiter auch den Klamauk, das irre Gelächter, heraus, das diese vier Untoten produzieren. Dass das Stück dennoch in die Jahre gekommen ist, weil seine Botschaft längst angekommen ist, kann er damit aber nicht verbergen. Das körperliche Unbehagen, das es auszulösen imstande ist, transportiert die zweieinviertel Stunden währende Inszenierung freilich gut: Das vernehmliche Scharren des Premierenpublikums war der Beleg für das Funktionieren dieser Zumutung. Der Applaus war dennoch deutlich.

          Fürs Protokoll: Die Bundeskanzlerin verfolgte das „Endspiel“ aufmerksam. Dass der Glockenklang des Abendgeläuts bis in den Theaterraum durchdrang, verlieh dem Abend einen besonderen Anstrich, behauptet doch Hamm nach einem vergeblichen Versuch, per Gebet mit Gott in Kontakt zu kommen: „Der Lump! Er existiert nicht!“ Darauf Clov: „Noch nicht.“

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