https://www.faz.net/-gs3-77x22

Die „Zauberflöte“ in Baden-Baden : Die schöne Integration des Mohren

  • -Aktualisiert am

Einen hübscheren, gescheiteren, klareren, leidenschaftlicheren lyrischen Tenor kann man nicht finden: Pavol Breslik (Tamino) bei den Proben zur „Zauberflöte“ Bild: dpa

Elegant durchdeklinierte „Zauberflöte“ mit Regiewackler: Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle eröffnen mit Mozart die Osterfestspiele Baden-Baden.

          4 Min.

          Der Mohr bedarf der Definition. Er kann heutzutage auf der Bühne nicht mehr einfach ein Mohr sein im Sinne Shakespeares oder Mozarts. In der „Zauberflöte“, mit der die Berliner Philharmoniker am Samstag ihr neues Osterfestival in Baden-Baden eröffneten, wird das Problem so gelöst, dass die Textstelle „Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum nicht auch schwarze Menschen?“ aus dem Papageno-Monolog gestrichen wurde. Auf die einzige Arie des Monostatos aber kann man nicht verzichten.

          So singt also der junge Tenor James Elliott, der anderswo schon den Tamino sang, im Festspielhaus von Baden-Baden seine verzweifelte Frage „Und ich soll die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist?“ genau so deutlich, zärtlich, flink und leise, wie es sich gehört (und wie es in einem so großen Haus, wenn einer das weit entfernt auf der Hinterbühne singt, nur perfekt mikrofoniert möglich ist). Monostatos ist ein struppiger Clochard. Man begreift, dass Pamina, die gerade in einer Ohnmacht liegt, übrigens genau an der gleichen Stelle, wo zu Beginn der Oper ihr Freund Tamino auf der Flucht vor der Schlange in Ohnmacht lag, diesen Schmutzfink auf gar keinen Fall an sich heranlassen kann, ohne ihn wenigstens vorher unter die Dusche zu schicken. Und ganz abgesehen davon: Die Schlange ist, weiß man seit Freud, ein Sexualsymbol.

          Prima la musica!

          Zieht also der Mohr schon mal seine Jacke aus, um sich über das Mädchen herzumachen. Er wirft sie in einem weiten Bogen hinter sich. Sie fliegt in das frisch ausgehobene Grab, von denen es etliche gibt in dieser „Zauberflöte“. Und da man zugleich auf der Vorderbühne sehen kann, wohin die Gräber führen, nämlich auf langen Leitern hinab in einen unterirdischen, mit viel Torf und schwarzlackierten Dracula-Särgen angefüllten Maulwurfsgang des Unbewussten, sieht man pünktlich die (hinten im Licht) ins Loch geworfene Jacke (vorn im Dunkeln) weiterfliegen. So subtil geht das zu in dieser Inszenierung von Robert Carsen. Sie ist geschmackvoll und fernsehgerecht gearbeitet. Für eindrucksvolle Totalen ist ebenso gesorgt wie für lustige Gags und pittoreske Nahaufnahmen. Der wilde Wald, der als Fototapete den Bühnenraum abschließt und durch die Jahreszeiten altert, liefert das passende Dekor zu allem und jedem, vorn und hinten, rechts und links. Nur kommt, wie das häufig der Fall ist bei Theaterinszenierungen, die multifunktional zugleich der TV-Ästhetik huldigen, das Spiel der Figuren, die Geschichte, nicht richtig in Gang.

          Alles, was geschieht, wirkt steril und gestelzt. Sehr bald wird diese symmetrische, präzis-subtile Designer-„Zauberflöte“ langweilig, lebens- und liebeleer. Die Arrangements, die Carsen und sein Team auf der Bühne zeigen, haben wenig zu tun damit, was die Sänger singen. Was die singen, hat kaum etwas zu tun damit, was das Orchester treibt - und alles zusammen hat mit uns nichts mehr zu tun. Manchmal laufen Bühne und Graben so egal nebeneinander her, dass beides auseinanderdriftet. Schon das erste Terzett der drei Damen ist nicht synchron mit dem Orchester, obgleich das doch wahrhaftig ganz exquisite Damen sind, Annick Massis, Magdalena Kozená und Nathalie Stutzmann, die sogar gemeinsam eine Extra-Koloratureinlage improvisieren können. Schade.

          Dabei hatte doch alles so göttlich schön begonnen! Die Berliner Philharmoniker können die herrlichsten Es-Dur-Dreiklänge und exaktest punktierten Achtelpausen der Welt spielen. So einen trockenen Paukenschlag, so transparent wie Fächer aus Glas sich entfaltende Bläser- und Streicherklänge hat man lange nicht mehr gehört. Diese saftigen Posaunen, diese runden Hörner! Langsam kostet Sir Simon Rattle das Adagio der Ouvertüre aus, er läuft auch im Allegro nicht davon. Und aus dem Publikum schlendert unterdessen der Berliner Rundfunkchor herbei, in Alltagskleidung, lagert sich ringsherum um den Graben, alle gucken lächelnd hinein und freuen sich, wie die Musik gemacht wird. Ein demonstratives Statement, ein Bekenntnis von Rattle und Carsen. Es lautet, sehr sympathisch: Prima la musica!

          Eine betörend glitzernde Königin der Nacht

          Nicht nur das Terzett der drei nächtlichen Damen, auch der Rest des „Zauberflöten“-Personals ist exklusiv besetzt, bis in die Nebenrollen hinein. Andreas Schager und Jonathan Lemalu singen die Partien der Priester, José von Dam füllt die wichtige Rolle des Sprechers aus. Einen hübscheren, gescheiteren, klareren, leidenschaftlicheren lyrischen Tenor als Pavol Breslik kann man für die Partie des Tamino derzeit auf der ganzen Welt nicht finden. Seine Pamina ist die tadellose, kühle Kate Royal, sie weiß an diesem Abend immer wieder erstaunliche Innigkeit in ihren Ton zu legen. Nur, wie kann es zu dieser legendären Liebe auf den ersten Blick kommen zwischen den beiden, wenn sie sich nicht mal richtig anschauen dürfen? Singen sie ihr atemloses „Es schließt mein Arm sich um dich her“-Duett, stehen sie hübsch symmetrisch herum, bestellt und nicht abgeholt und gut zehn Meter voneinander entfernt.

          Ja, die Sänger habe es allesamt schwer, ihre Schaufensterpuppenrollen mit Leben zu füllen. Am besten gelingt dies vielleicht noch Michael Nagy, einem ungewöhnlich belkantosinnlichen Papageno. Aber der wurde ja sowieso schon von Mozart liebevoll mit den publikumswirksamsten Schlagern versorgt. Seine Papagena (Regula Mühlemann) hat zwar am wenigsten zu tun, doch tut sie das mit Bravour. Die drei Knaben, von den Aurelius Sängerknaben Calw ausgeliehen, singen so außergewöhnlich engelhaft rein, dass man sie unbedingt namentlich feiern muss: David Rother vor allem, aber auch Cedric Schmitt und Joshua Augustin.

          Eine betörend glitzernde, eisige Spitzentöne herausschleudernde Königin der Nacht ist Ana Durlovski, die vier Tage vor der Premiere für die erkrankte Erstbesetzung Simone Kermes einsprang. Irgendjemand ruft ihr am Schluss ungerechterweise Buh vom Rang zu, vielleicht ein Fan von Simone Kermes, der sauer ist, das sie nicht Kermes ist. Dmitry Ivashchenko als Sarastro, der eigentlich als Einziger der Sänger noch Wünsche offenlässt, etwa die nach Tiefe, Farbe und Kontur, wird gleichwohl vom russischen Block im Baden-Badener Stammpublikum ganz besonders herzlich mit Applaus bedacht.

          Zu viele Pannen

          Das Schlussbild ist, genau wie das erste, wieder sehr gelungen: Es lächelt die Aue, der Wald treibt frische Blätter, alle winken mit silbernen Zauberflöten, selbst der Mohr wird in das Glück der Gesellschaft integriert. Trotzdem kann man, nein, man muss sich fragen, ob hier das Preis-Leistungs-Verhältnis noch stimmt. Musikalische Wackler, wie man sie bei diesem vielgespielten Werk nicht mal im Stadttheater um die Ecke tolerieren würde, gehören nicht in eine Produktion, die zu dem Teuersten gehört, was man sich im Klassikbetrieb zurzeit gönnen kann.

          Und es gibt sogar einen ganz ärgerlichen Regiewackler in dieser elegant durchdeklinierten Festspiel-„Zauberflöte“. Carsen hatte nämlich die Idee, dass sich gleich nach der Pause die Nachtkönigin und der Sonnenpriester versöhnen sollen. Die Königin und die Damen tun jetzt nur noch so, als seien sie böse, um Tamino, Pamina und Papageno auf die Probe zu stellen. Nachdem die Prüfungen beendet sind und alles in Butter ist, hätte Carsen den dreißigsten Auftritt mit dem Verschwörer-Quintett konsequenterweise streichen müssen. Dies ist nicht geschehen.

          Plötzlich sind Mohr, Königin, Nacht und Tod doch wieder böse. Als schäme er sich dessen, wechselt der Wald hektisch noch mal die Farbe, zeigt Frühling, Sommer, Herbst und Winter an, es wirkt, als hätte sich jemand auf dem Laptop verklickt: wie eine Panne. Eine von zu vielen.

          Weitere Themen

          Frauenkörper, ein Politikum

          Adele und ihr Gewicht : Frauenkörper, ein Politikum

          Adele hat abgenommen – und wird dafür sowohl überschwänglich gefeiert als auch heftig kritisiert. Warum nur fühlen sich Menschen noch immer ungefragt bemüßigt, Frauenkörper zu kritisieren?

          Topmeldungen

          Spionage-Kumpan? Ein Foto des Huawei-Logos in der chinesischen Provinz Guangdong

          Papua-Neuguinea : Baute Huawei im Pazifik ein Eingangstor für Spionage?

          In einem vom chinesischen Technologiekonzern Huawei eingerichteten Datenzentrum der Regierung in Papua-Neuguinea gab es offenbar eklatante Sicherheitslücken. Fachleute in Australien gehen davon aus, dass das Absicht war.
          Swetlana Tichanowskaja

          Nach Wahl in Belarus : Tichanowskaja nach Litauen ausgereist

          Die zweite Nacht in Folge protestierten Tausende gegen den verkündeten Wahlsieg von Dauerherrscher Alexandr Lukaschenka. Das Regime reagiert mit Gewalt. Unterdessen hat Swetlana Tichanowskaja das Land verlassen.
          Wie viele Leute sich allein ins Grüne trauen, kann auch ein Gradmesser für die allgemeine Sicherheit einer Gegend sein (Symbolbild).

          Im Bikini in den Park : Dann gucken sie eben!

          Es ist heiß, und in der Wohnung ist es noch heißer. Also raus in den Park. Frauen kostet es häufiger Überwindung, sich allein im Bikini auf die grüne Wiese zu legen. Warum eigentlich? Und lohnt es sich?
          Will die WTO refomieren: Ngozi Okonjo-Iweala

          Kandidatin für WTO-Spitze : „Wir müssen auf die Amerikaner zugehen“

          Ngozi Okonjo-Iweala hat gute Chancen, als erste Frau und erste Afrikanerin an die Spitze der Welthandelsorganisation zu rücken. Die Nigerianerin präsentiert sich als entschlossene Reformerin. Ein Gespräch über Trump, China und Corona.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.