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Die „Zauberflöte“ in Baden-Baden : Die schöne Integration des Mohren

  • -Aktualisiert am

Einen hübscheren, gescheiteren, klareren, leidenschaftlicheren lyrischen Tenor kann man nicht finden: Pavol Breslik (Tamino) bei den Proben zur „Zauberflöte“ Bild: dpa

Elegant durchdeklinierte „Zauberflöte“ mit Regiewackler: Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle eröffnen mit Mozart die Osterfestspiele Baden-Baden.

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          Der Mohr bedarf der Definition. Er kann heutzutage auf der Bühne nicht mehr einfach ein Mohr sein im Sinne Shakespeares oder Mozarts. In der „Zauberflöte“, mit der die Berliner Philharmoniker am Samstag ihr neues Osterfestival in Baden-Baden eröffneten, wird das Problem so gelöst, dass die Textstelle „Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum nicht auch schwarze Menschen?“ aus dem Papageno-Monolog gestrichen wurde. Auf die einzige Arie des Monostatos aber kann man nicht verzichten.

          So singt also der junge Tenor James Elliott, der anderswo schon den Tamino sang, im Festspielhaus von Baden-Baden seine verzweifelte Frage „Und ich soll die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist?“ genau so deutlich, zärtlich, flink und leise, wie es sich gehört (und wie es in einem so großen Haus, wenn einer das weit entfernt auf der Hinterbühne singt, nur perfekt mikrofoniert möglich ist). Monostatos ist ein struppiger Clochard. Man begreift, dass Pamina, die gerade in einer Ohnmacht liegt, übrigens genau an der gleichen Stelle, wo zu Beginn der Oper ihr Freund Tamino auf der Flucht vor der Schlange in Ohnmacht lag, diesen Schmutzfink auf gar keinen Fall an sich heranlassen kann, ohne ihn wenigstens vorher unter die Dusche zu schicken. Und ganz abgesehen davon: Die Schlange ist, weiß man seit Freud, ein Sexualsymbol.

          Prima la musica!

          Zieht also der Mohr schon mal seine Jacke aus, um sich über das Mädchen herzumachen. Er wirft sie in einem weiten Bogen hinter sich. Sie fliegt in das frisch ausgehobene Grab, von denen es etliche gibt in dieser „Zauberflöte“. Und da man zugleich auf der Vorderbühne sehen kann, wohin die Gräber führen, nämlich auf langen Leitern hinab in einen unterirdischen, mit viel Torf und schwarzlackierten Dracula-Särgen angefüllten Maulwurfsgang des Unbewussten, sieht man pünktlich die (hinten im Licht) ins Loch geworfene Jacke (vorn im Dunkeln) weiterfliegen. So subtil geht das zu in dieser Inszenierung von Robert Carsen. Sie ist geschmackvoll und fernsehgerecht gearbeitet. Für eindrucksvolle Totalen ist ebenso gesorgt wie für lustige Gags und pittoreske Nahaufnahmen. Der wilde Wald, der als Fototapete den Bühnenraum abschließt und durch die Jahreszeiten altert, liefert das passende Dekor zu allem und jedem, vorn und hinten, rechts und links. Nur kommt, wie das häufig der Fall ist bei Theaterinszenierungen, die multifunktional zugleich der TV-Ästhetik huldigen, das Spiel der Figuren, die Geschichte, nicht richtig in Gang.

          Alles, was geschieht, wirkt steril und gestelzt. Sehr bald wird diese symmetrische, präzis-subtile Designer-„Zauberflöte“ langweilig, lebens- und liebeleer. Die Arrangements, die Carsen und sein Team auf der Bühne zeigen, haben wenig zu tun damit, was die Sänger singen. Was die singen, hat kaum etwas zu tun damit, was das Orchester treibt - und alles zusammen hat mit uns nichts mehr zu tun. Manchmal laufen Bühne und Graben so egal nebeneinander her, dass beides auseinanderdriftet. Schon das erste Terzett der drei Damen ist nicht synchron mit dem Orchester, obgleich das doch wahrhaftig ganz exquisite Damen sind, Annick Massis, Magdalena Kozená und Nathalie Stutzmann, die sogar gemeinsam eine Extra-Koloratureinlage improvisieren können. Schade.

          Dabei hatte doch alles so göttlich schön begonnen! Die Berliner Philharmoniker können die herrlichsten Es-Dur-Dreiklänge und exaktest punktierten Achtelpausen der Welt spielen. So einen trockenen Paukenschlag, so transparent wie Fächer aus Glas sich entfaltende Bläser- und Streicherklänge hat man lange nicht mehr gehört. Diese saftigen Posaunen, diese runden Hörner! Langsam kostet Sir Simon Rattle das Adagio der Ouvertüre aus, er läuft auch im Allegro nicht davon. Und aus dem Publikum schlendert unterdessen der Berliner Rundfunkchor herbei, in Alltagskleidung, lagert sich ringsherum um den Graben, alle gucken lächelnd hinein und freuen sich, wie die Musik gemacht wird. Ein demonstratives Statement, ein Bekenntnis von Rattle und Carsen. Es lautet, sehr sympathisch: Prima la musica!

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