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Die Salzburger Festspiele : Ohren auf, weg mit den Stöpseln!

  • -Aktualisiert am

Salzburg: Mythologischer Ort der Musik Bild: ddp

Alle sind da, um zu hören, zu sehen, zu flanieren und gesehen zu werden. Der Mythos der Salzburger Festspiele funktioniert auch in der neunzigsten Saison ungebrochen, und alles ist herrlich - und gleichzeitig nervig. Eine Selbsterfahrung von Elke Heidenreich.

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          Mythen sind das Thema bei diesen neunzigsten Salzburger Festspielen, Mythen wie Dionysos, Ödipus, Phädra, Orpheus. Der Mythos erzählt die großen Tragödien, und Tragödien entstehen da, schreibt Michael Köhlmeier in einem Essay zum Thema der Festspiele, wo Gott und Mensch zusammenstoßen, und das nennt man dann Schicksal.

          Schicksal also gibt es reichlich zu besichtigen in Salzburg. Reichlich? In geradezu unfassbaren Dimensionen. Selbst der Intendant Jürgen Flimm sagt mir in einem Interview: Das gibt es in dieser Größenordnung nirgends auf der Welt. Und das in einer Zeit, die an Festivals reicher ist als jede andere: keine kleine Stadt in Europa ohne irgendein Festival, und auch in Abu Dhabi geht es schon los, entnehmen wir der Festivalzeitung - mit demselben künstlerischen Wanderzirkus wie immer: Plácido Domingo, Yo Yo Ma, Simon Rattle, Anne-Sophie Mutter, Zubin Mehta, Lorin Maazel, Daniel Barenboim. Märkte wie China entdecken die Festspielidee auch gerade. Wagner in Schanghai: Im Herbst zeigt die Kölner Oper dort erstmals den gesamten „Ring“. Und allein innerhalb der EU besuchen 250 Millionen Menschen jährlich irgendwelche Festspiele

          In der letzten Woche waren, so schien es mir, diese 250 Millionen gesammelt in Salzburg. Dazu noch rund zehn Millionen Japaner, fünf Millionen Araber mit verschleierten Frauen, hundert Millionen Amerikaner und ein paar Millionen Sonstige. Er schiebt sich in Reihen schrittweise durch die Altstadt, dieser unendliche Strom aus sommerlich kurzen Hosen, Trägerhemdchen, Sandalen, dann und wann ein Labrador oder ein modischer Mops. Viel blühendes Fleisch. Abends vor dem Festspielhaus dann aber eine Gesellschaft, die tagsüber im Sacher oder im Bristol dämmert und die man bei Tageslicht niemals sieht: beeindruckend soignierte Herren (Modetrend: das Maßhemd) mit äußerst schlanken Damen (Modetrend: der Fächer ist wieder da) in verwirrenden Kleidern quer durch das Farbenspektrum, und was auf den Knochen an Fleisch fehlt, hängt als Schmuck an Hals und Ohr. Die Kontraste sind enorm, und Salzburg erträgt das alles, irgendwo läuten immer Kirchenglocken, der Fels steht still und schweiget, und aus den Gassen steiget die Masse - wahlweise zu Franz Gensbichlers Marillengeist oder Frank Wedekinds Erdgeist oder jeden Abend um zwanzig Uhr auf den Kapitelplatz zum Public Viewing: große Salzburger Inszenierungen werden da gezeigt, kostenlos für jedermann. Ja, der natürlich auch wieder.

          Große Künstlerdichte: Dirigent Ingo Metzmacher, Salzburgs Kunstdirektor Jürgen Flimm, Komponist Wolfgang Rihm, Jonathan Meese und der britische Dirigent Pierre Audi (v. l. n. r.)

          Es ist alles herrlich und gleichzeitig nervig

          Irgendwie ist in diesem Jahr alles tragisch, aber man ist doch gut aufgeräumt und vergnügt dabei, bei so viel Kultur. Die Kultur, die Klassik, die Oper vor allem sei tot? Weit gefehlt. Europas Opernhäuser sind zu neunzig Prozent ausgelastet, und in Salzburg kriegt man kaum noch eine Karte für Vorstellungen, die nicht mehr zu zählen sind - was hier geboten wird, übersteigt jedes Maß.

          Es gibt zwischen dem 25. Juli und dem 30. August sieben Opern, davon eine Uraufführung und drei Neuinszenierungen; sechs Theaterstücke, davon eine Uraufführung und zwei Neuinszenierungen. Es ist ein Dichter zu Gast, Claudio Magris, und ein Komponist, Wolfgang Rihm, mit Sonderprogramm „Kontinent Rihm“. Der Kontinent erstreckt sich, glücklich von Wogen des Erfolgs umspült durch die ganze Stadt. Ich komme beim Durchblättern des buchdicken Programms auf etwa achtzig Konzerte. Es gibt Diskussionen, Workshops, Lesungen, Vorträge. Es gibt keine Minute, in der es nichts gibt. Wer alles kommt? Das wollen Sie gar nicht wirklich wissen. Alle. Alle?

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