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Beethovens „Fidelio“ in Wien : Wenn Puppen von der Freiheit singen

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Mit einem Flügel fliegt sich’s schlecht: Achim Freyers „Fidelio“ in der Manier eines christlichen Mysterienspiels Bild: Monika Rittershaus

Achim Freier inszeniert Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ bei den Wiener Festwochen und fordert dem Dirigenten Marc Minkowski dabei Großes ab.

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          Jede volle Stunde zerrt Gevatter Tod am Seil der Glocke und hält triumphierend eine Sanduhr hoch, als Jesus und seine Jünger in den Fensterluken sichtbar werden. Langsam defilieren die Apostel, darunter auch Judas, der Verräter, an den staunenden Zuschauern vorbei. Ein wenig von der Magie der Astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus in Prag wollte wohl auch Achim Freyer mit seiner Inszenierung von Ludwig van Beethovens einziger Oper „Fidelio“ bei den Wiener Festwochen vermitteln: Auf drei übereinanderliegenden Spielflächen agieren die Protagonisten im Theater an der Wien wie Puppen in einer Spieluhr, ohne sich vom Fleck zu bewegen. Mit Drehbewegungen werden sie sichtbar oder verschwinden wieder hinter den finsteren Türen, an die sie gebunden sind, so dass sie sich mit jeder 180-Grad-Drehung selbst verdecken oder, umgekehrt, die Illusion einer sich öffnenden Tür vermitteln.

          Ganz oben, in schwindelnder Höhe steht der Verräter, Don Pizarro, im Teufelskostüm. Er hält eine dicke Reitpeitsche in der Hand, die er immer wieder genüsslich rollt. Und wenn sein Zorn besonders ergrimmt, dann sendet er einen roten Feuerstrahl in die Tiefe der untersten Spielebene, die den gefesselten Florestan erkennen lässt, der mit riesigen Augen aus einem Loch lugt. Auf der mittleren Spielebene finden wir Jaquino, Rocco, Marzelline und Leonore. Auch sie tragen groteske Kostüme: Clownesk in seinen dicken, roten Pluderhosen wirkt der junge Jaquino, wie ein verhinderter Catcher der fettleibige Rocco; als Möchtegern-Tänzerin dreht Marzelline mit einer vorgeschnallten Puppe im knallgelben Tutu ihre Pirouetten; nur die ernste Leonore in ihrem bodenlangen, weißen Mantel hebt sich ein wenig von der Jahrmarktatmosphäre ab, die Freyer unter Mitwirkung seiner Tochter Amanda Freyer als Kostümbildnerin erzeugt.

          Zwischen Jahrmarktsgaudi und christlichem Mysterienspiel

          Die Welt ist ein einziges Narrenhaus, scheint Freyer uns vermitteln zu wollen, ein Kasperletheater, in dem alle Handelnden stets dieselben rituellen Bewegungen vollführen und wie Marionetten an unsichtbaren Fäden hängen. „Die sehr großen Kunstwerke des Welttheaters, also Shakespeare und Goethes ,Faust‘, die ,Zauberflöte‘ wie der ,Fidelio‘, besitzen einen Bodensatz der Trivialität, sogar der vulgären Belustigung“, erklärte Hans Mayer 1979 in seinem Hamburger Vortrag über „Beethoven und das Prinzip Hoffnung“, der im Programmheft der Wiener Festwochen abgedruckt wurde. Aus dieser Nähe der Beethovenschen Oper zum Jahrmarktsgaudi, aber auch zum christlichen Mysterienspiel leitet Freyer seinen Ansatz wohl her. Dementsprechend tragen alle Sängerinnen und Sänger auch Masken, einzig Leonore darf ihre Larve gelegentlich lüften, um ihr weiß geschminktes Gesicht zu zeigen. Sie ist das personifizierte Prinzip Hoffnung, obgleich auch dieses im Verlauf des Abends beschädigt werden wird.

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