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Bayreuther Festspiele : Wenn man sie sticht, bluten sie nicht

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Treue bis zum Tod: Adrianne Pieczonka (Senta) und Samuel Youn (Holländer) in Jan Philipp Glogers Neuinszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen Bild: dpa

Der neue „Holländer“ mit Christian Thielemann und Jan Philipp Gloger gerät bieder, bei den Kinder-„Meistersingern“ aber fliegt fast das Dach weg.

          Was man liebt, muss man kritisieren. Das hat Christian Thielemann dem neuen Bayreuther „Holländer“ ins Programmbuch geschrieben. Hoffen wir, dass diese risikofreudige Auffassung von wahrer Liebe ein bisschen Schule macht auf dem Grünen Hügel. Nach wie vor ist der Umgang der Festspielleitung mit Kritik eher frühbarock, sie verwechselt gern die Wörter Presse und Protokoll (inklusive Hofknicks) und wehrt bei der Pressekonferenz zum Festspielbeginn nichthagiographische Fragen mehr oder weniger eingeschnappt ab. Die eine bellt, die andere schweigt.

          Eine der liebenswürdigsten Errungenschaften der jungen Wagner-Schwestern-Ära aber, das ist ganz gewiss das Experiment „Wagner für Kinder“, das sich gleich danach anschließt. Schon seit 2009 findet, als Präludium zur Erwachsenen-Wagner-Premiere, am Eröffnungstag um die Mittagszeit eine Kinder-Wagner-Premiere statt - und wieder war das ein so bedeutender Erfolg, dass man dem Projekt insgesamt mehr Beachtung wünschen würde. Wie heikel es ist, in der Theaterarbeit mit Kindern den richtigen Ton zu treffen, hat man auch in Bayreuth bemerkt: Ironie geht fast gar nicht, vieles Voraussetzungsbedingte will erklärt werden, niemand soll sich langweilen. Was bleibt übrig vom Zauber der Musik in den „Meistersingern von Nürnberg“, in dieser gekürzten Fassung?

          Die Luft bebt, die Erde schwankt

          Fast die gesamte Bühnenfläche ist vollgestellt mit einem Miniatur-Orchester: zwei Posaunen, eine Trompete, Harfe plus Beckmesser-Harfe, Schlagzeug, Hörner, Klarinetten, Oboen, Flöten, Streicher, zwei Kontrabässe. Das Staatsorchester Frankfurt/Oder spielt. Als Erstes aber gibt es nicht die blechbewaffnete Festouvertüre, auch kein markiges „Ehrt eure deutschen Meister!“ Stattdessen singen und summen fünfzehn Lehrbuben im Alter zwischen fünf und zehn irgendetwas Meistersängerisches vor sich hin: Schnipsel vom Preislied, ein Fetzen Festwiesenmusik, das Spottlied vom Blumenkränzlein aus Seiden fein. Ein wunderliches Elfengeschwätz ist das, eine poetische Insel der Ruhe, vor dem professionellen Sängersturm. Diese Kinder gehören zum Chor der Phorms-Schule Frankfurt/Main, sie bilden das Herzstück dieser Aufführung (in der Regie von Eva-Maria Weiss). Malen mit Kreide auf Tafeln Nürnberg herbei, „ermalen“ sich so auch die Sänger - und die malen dann weiter an der Geschichte. Wenn, zum Beispiel, Evchen Pogner (sonnenglänzend: Christiane Kohl) ein Gebüsch braucht, um sich mit ihrem Ritter (ein punkiger Schmetterer: Heiko Börner) zu verstecken, dann nimmt sie eine Tafel, eine Kreide und malt sich eins.

          Wie die Knetgummi-Version von Wilhelm-Busch-Figuren sehen die Sänger aus, mit ihren Papierlocken, den gemalten Papierkleidern. Das irre Zahnpastalächeln von Beckmesser (Ralf Lukas) ist ebenso umwerfend wie die comichafte Pose des stimmgewaltigen Hans Sachs (Jukka Rasilainen), der seinen Wahn-Gesang richtig aussingt. Die Luft bebt, die Erde schwankt, sicher fliegt gleich das Dach weg, als alle gemeinsam, die Lehrbuben vorneweg, mit Pathos den „Wacht auf“-Chor anstimmen. Genau dies ist das Erfolgsgeheimnis der Bayreuther Kinderopern, auch diesmal wieder musikalisch betreut vom Dirigenten Hartmut Keil: Er wählt nur die zentralen „Nummern“ aus dem Originalwerk aus. Aber die werden dann so genau musiziert, als wär’s für die Großen nebenan. Nichts an der Musik ist verkleinert, verkindlicht, verpopt oder kindertümelnd präpariert. Auch die heikle Story bleibt, obgleich gekürzt, im Wesentlichen ganz. Kann sein, dass nicht alle Kinder alles kapieren in diesen knapp neunzig Minuten; aber ganz bestimmt haben sich alle in Wagners Musik verliebt.

          Thielemann riskiert viel

          Und man kann wohl davon ausgehen, dass auch längst nicht alle Großen, später im Festspielhaus, beim „Fliegenden Holländer“ verstanden haben, was der Regisseur Jan Philipp Gloger so auf dem Herzen hatte und unbedingt mitteilen wollte. Eine Besprechung dieser Neuproduktion kann diesmal kurz ausfallen, nicht weil schon im Vorfeld so viel darüber quasi-diskutiert und pseudo-enthüllt wurde, sondern weil wirklich in wenigen Sätzen alles gesagt ist. Eigentlich reichen vier. Musiziert wird himmlisch vielfältig. Die Szene ist hölzern einfältig. Die Chöre, einstudiert von Eberhard Friedrich, sind eine Wucht. Zwei Sänger sind ragen heraus: Benjamin Bruns als sternheller Steuermann und Samuel Youn, der den Holländer ohne Kern und Tiefe singt, aber den Mut hatte, kurzfristig einzuspringen.

          Ob wohl jeder verstanden hat, was der Holländer-Regisseur Jan Philipp Gloger so auf dem Herzen hatte und unbedingt mitteilen wollte?

          Für Gloger ist der Holländer ein moderner Büromensch, sich selbst entfremdet. Frei nach Shakespeare: Wenn man ihn sticht, blutet er nicht. Er lebt verloren im Datensturm moderner Kommunikation. Woraus sich, bei den Matrix-Filmen abgeguckt, für den stürmischen Beginn ein sehr imponierendes und höchst dekoratives Bühnenbild ergibt (Videoinstallation: Martin Eidenberger). Leider wird das Bild weggeklappt, als die Geschichte losgeht und der Holländer mittels wahrer Liebe und jeder Menge Theaterblut erlöst werden muss. Auf höchst unriskante, biedere Weise werden da die Figuren auf der Spielfläche herumgeschoben, als wären sie aus Pappe geschnitten, so, wie auch Senta sich ihr Wunschmannsbild aus Pappkartons bastelt und mit roter Farbe beschmiert. Thielemann dagegen riskiert viel.

          Nach einer fast spielerisch leicht musizierten, paukengrundierten „Holländer“-Ouvertüre, in der sich Erlösungsgesang und Sturmgebraus herrlich mischen, schlägt er kontrastreiche Tempi an: Schnelles kippt um in extrem Langsames, verbunden durch abrupte Übergänge oder durch schwer brütende, lastende Ritardandi. Das ist so grenzwertig, dass es passieren kann, dass ihm die Musik auseinanderfliegt, etwa im ersten Chor im dritten Aufzug. Dann wieder bleibt die Zeit fast stehen im Liebesduett, so langsam wird der Puls. Dazu stellt die Regie den Holländer und seine Senta auf Pappkartons, wie Püppchen auf einer Spieluhr kreiseln sie nun umeinander herum, ihre Schatten an der Wand wachsen und schrumpfen, während sie singen, mal schneller, mal langsamer: Ach ja: Das war die zweite schöne Dekoration.

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