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Bayreuther Festspiele : Flüchtig ist das Wagnerglück

  • -Aktualisiert am

Doch noch Jubel in Bayreuth: Nach den Buhs für den Auftakt mit „Tannhäuser“ ist die Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ vom Publikum gefeiert worden Bild: Festspiele

Das Chaos tobt, der Boden schwankt, doch noch gibt es feste Größen im Programm: Dem verkorksten Bayreuther „Tannhäuser“ folgt ein gekonnter „Fliegender Holländer“. „Lohengrin“ muss sich derweil den schärfsten Kritikern stellen

          4 Min.

          War was? Ach ja, die Sache mit der Unterbrechung: Zum ersten Mal in ihrer hundertachtunddreißigjährigen Geschichte mussten die Bayreuther Festspiele zweimal anfangen. Bei der Festivaleröffnung am Freitag streikte bei der Wiederaufnahme von Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ gleich nach der Ouvertüre die Bühnenmaschinerie. Ausgerechnet der Venusberg, in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten ein mit Urzeitwesen und Riesenspermien bevölkerter Rundkäfig, blieb beim Hochfahren auf halber Höhe stecken. Krachend rissen zwei Haken aus dem Käfigdeckel, und ringsum regnete es Holztrümmer. Ein Albtraum für jeden Theaterbetrieb, zumal in dieser Produktion nicht weit von den Seilzügen entfernt Zuschauer im Bühnenbild sitzen.

          Zunächst spielte man weiter. Michelle Breedt und Torsten Kerl improvisierten in den Rollen von Venus und Tannhäuser tapfer ihre erste Szene, ungelenk auf dem halbhohen Wackelpodest balancierend. Dann aber siegte das Verantwortungsgefühl bei der Spielleitung: Vorhang zu, Räumung des Zuschauerraums, fünfzig Minuten Zwangspause. Endlich hatten die gut zweitausend Festspielbesucher bei verfrühtem Schampus und fränkischer Bratwurst ein Gesprächsthema. Und fast hätte die Festspielleitung dankbar sein müssen für den Zwischenfall. Denn selten waren sich Beobachter der Festspiele so einig, dass es in Bayreuth diesmal eigentlich gar nichts Besonderes zu beobachten gebe.

          Konturlose Musik, geschonte Stimme

          Wie ein Menetekel erschien da die Absage der wagnerbegeisterten Kanzlerin, die sich erst zur Wiederaufnahme des „Rings“ am Sonntag angesagt hatte. „Kaum ist ,Mutti‘ nicht da, läuft alles aus dem Ruder“, ätzten Spötter. Dass sich bei der Fortsetzung der Vorstellung nach einer Stunde keine der verantwortlichen Wagner-Schwestern bereitfand, mit erklärenden Worten vor das Publikum zu treten, wirkte wie ein Schuldeingeständnis. Man konnte gegen den Patriarchen Wolfgang Wagner manches vorbringen, aber eine solche Stillosigkeit hätte es bei ihm nicht gegeben. Freilich war der Fauxpas symptomatisch für die künstlerische Gleichgültigkeit, welche die Aufführung prägte.

          Baumgartens „Tannhäuser“ ist ein totgeborenes Dramaturgenkonstrukt ohne echtes Theaterblut. Das war seit der Premiere 2011 bekannt, und daran hat die gern beschworene „Werkstatt Bayreuth“ über die Jahre nichts geändert (wohl auch, weil der Werkstattgedanke längst unter die Räder eines durchrationalisierten Probenablaufs gekommen ist). Dass man die verkorkste Produktion dennoch für würdig erachtete, die Festspiele in dieser premierenfreien Saison zu eröffnen, bevor sie vorzeitig aus dem Spielplan verschwindet, lässt am planerischen Sachverstand der Festspielleitung zweifeln. Dass nicht einmal die Auftakt-Ausnahmesituation das Spannungsniveau dieser Wiederaufnahme über das einer abgespielten Repertoireaufführung heben konnte, lässt tief blicken.

          Tannhäuser-Statisten vergnügen sich am Alkoholator
          Tannhäuser-Statisten vergnügen sich am Alkoholator : Bild: Festspiele

          Der Dirigent Axel Kober und das Festspielorchester musizieren so risikoarm und konturenlos, als gelte es, das aufgescheuchte Publikum vor jeder weiteren Aufregung zu bewahren. Dabei muss der „Tannhäuser“, Wagners anarchisch-unvergorener Wunschpunsch aus lauter Lebensthemen, existentiell aufrütteln, bewegen, erschüttern. Torsten Kerl ist es angesichts seiner durch die Wiederholung der ersten Szene noch länger gewordenen Titelpartie vor allem darum zu tun, sich genügend Stimmkraft zu erhalten für die Rom-Erzählung im dritten Akt - die er dann voller Fatalismus singt. Von einem glaubhaften Rollenporträt bleibt Kerl so weit entfernt wie der Minnesänger von seinem Seelenheil.

          Der Herr der Bayreuther Akustik

          Michelle Breedt und Camilla Nylund, die zwei um Tannhäuser wetteifernden Frauen Venus und Elisabeth, mühen sich zwar nach Kräften, auch mit mancher szenischen Aktion. Doch musikalisch gewinnt der ausgebremste Minnesang kein Leben mehr, von Entrückungsmomenten wie Elisabeths Gebet oder dem von Markus Eiche ansprechend schlicht gehaltenen Lied Wolframs an den Abendstern abgesehen. Selten dürfte zudem ein Sängerkrieg so bieder abgelaufen sein wie hier.

          Wie sehr solches Mittelmaß Wagners Erschütterungs- und Überwältigungsstrategien zuwiderläuft, zeigte die Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländers“ am zweiten Festspieltag. Jan Philipp Glogers Inszenierung von 2012 ist, anders als Wagners Oper, kein Geniestreich. Aber sie erzählt die Geschichte handwerklich gekonnt, fast ohne Mätzchen, und setzt sogar ein paar triftige Deutungsakzente. Das ist im Bayreuth des Jahres 2014 schon viel. Wenn aus dem Graben dann noch ein Feuerwerk heraufdringt wie an diesem Abend, gibt es endlich wieder Ahnungen dessen, was Festspiele sein könnten (auch sein müssten), Ahnungen von Wagnerglück. Dass es wieder einmal der Dirigent Christian Thielemann ist, der die Festspielleitung vor einer zweiten Blamage bewahrt, passt ins Bild: Thielemann gilt vielen als letzter Hüter der Wagnertradition. Tatsächlich beherrscht er die Bayreuther Akustik wie kein anderer, und seine Wagnerexegese hat einen Grad an Durchdringung und gestalterischem Überblick erreicht, mit dem er einzigartig dasteht.

          Die klügsten und schärfsten Kritiker

          Während Kober im „Tannhäuser“ den Notentext nachzeichnet, erfasst Thielemann beim „Holländer“ den Geist der Partitur. Das hört man an der überlegenen Disposition, den großformal gedachten Steigerungs- und Tempoverläufen innerhalb der ohne Pause durchgespielten Fassung mit Erlösungsschluss von 1860. Man hört es auch an den dynamischen Spielräumen, die Thielemann den Solisten eröffnet: Obwohl gerade der „Holländer“ als berüchtigt lautes Stück gilt - Wagner hat sein Jugendwerk nie in Bayreuth gehört -, müssen die Sänger selten mehr als ein gestütztes Forte singen, um gegen den Orchestersturm aus dem Graben zu bestehen. Namentlich für die Partie der Senta, die Ricarda Merbeth bis in exponierte Spitzentöne („treu dir bis zum Tod“) singt, nicht schreit, ist dies eine Wohltat. So, nur so, kann Wagner das Zusammenspiel von Stimmen und Orchester gemeint haben.

          Die übrige Besetzung mit Kwangchul Youn als Daland, Tomislav Mužek als Erik und dem agilen Steuermann von Benjamin Bruns formt ein echtes Ensemble - was für ein Unterschied zu den Einzelkämpfern im „Tannhäuser“! Und sie gibt ein schönes Beispiel, wie sich Sänger in einer Produktion entwickeln können. Vor allem Samuel Youn, der Last-Minute-Einspringer von 2012, hat sich die für seinen Bassbariton eigentlich zu groß dimensionierte Partie des bleichen Seemanns mittlerweile überzeugend erschlossen.

          Norbert Ernst als Lohengrin in der Kinderoper
          Norbert Ernst als Lohengrin in der Kinderoper : Bild: © BF Medien GmbH 2014 / Jörg Schulze

          Ein kleine Premiere gab es in diesem Jahr übrigens doch: Bayreuths Kinderoper zeigt „Lohengrin“ in einer Adaption von Daniel Weber und Marko Zdralek. Trotz humorvoller Einfälle - der Schwanenritter (Norbert Ernst) fällt vor Verliebtheit kurz aus der Rolle und arbeitet beim „Gottesgericht“ mit fiesen Tricks - verliert die Regie von Maria-Magdalena Kwaschik gegen Ende ihren spielerischen Zugriff. Prompt entsteht Unruhe: Kinder verstehen da keinen Spaß. Sie sind die klügsten Dramaturgen und die schärfsten Kritiker. Auf der Bühne kann man ihnen nichts vormachen.

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