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Bayreuther Festspiele : Amfortas, von Wannen kommst du

Amfortas (Ryan McKinny als dornengekrönter Christus, Mitte) erduldet die Zumutungen der Gralsritter. Bild: Enrico Nawrath

Mit „Parsifal“ und unter hohem Sicherheitsaufwand eröffnen die Bayreuther Festspiele. Klaus Florian Vogt singt wundervoll. Aber was hat sich Regisseur Uwe Eric Laufenberg bloß dabei gedacht?

          Der Staatsempfang nach der Eröffnungsvorstellung des „Parsifal“ fällt aus. Die aus enigmatisch-historischen Gründen im Fall Wagner sonst gern unvermeidliche Politprominenz glänzt diesmal durch Abwesenheit, was kompensiert wird durch flächendeckende Anwesenheit von Staatsdienern aus niederen Rängen der Exekutive. Hundertschaften von Polizisten kurven auf Krafträdern, in Wannen oder in PKWs um den abgesperrten Hügel. Sicherheitspersonal kontrolliert Taschen und Türen.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Drinnen, das Festspielhauspersonal, macht schon grobe Scherze: Wir werden hier so scharf bewacht, damit nicht noch einer wegläuft. Für die Wagnerliebhaber draußen aber ist es, offen gesagt, inzwischen fast leichter geworden, eine Eintrittskarte zu ergattern, als einen Parkplatz in Laufweite zu finden oder das Nadelöhr eines Einlasses. Was nicht nur für den Eröffnungstag gelten soll, sondern für die gesamte Spielzeit. Auslöser für die Verschärfung der Sicherheitsstandards, die vor Monaten schon von der Stadt beschlossen wurden, vor den Attentaten von München und Ansbach, war eine damals umgehend wieder dementierte Pressemeldung, wonach in der Neuproduktion des „Parsifal“ aus islamkritischen Gründen Frauen wahlweise in Burkas gesteckt oder aber nackend ausgezogen würden. Mit anderen Worten: Regisseur Uwe Eric Laufenberg ist schuld. Und, hat sich’s gelohnt?

          Löcher im Tempel des Gral

          Das Publikum jubelt dem Regieteam am Ende der Vorstellungen demonstrativ zu. Nur drei Buhrufer werden gezählt. Was, für Bayreuther Verhältnisse, weniger ist als nichts. Ja, doch, es sind zwar ein paar Quadratzentimeter rosiges Menschenfleisch zu sehen gewesen auf der Bühne, im zweiten und dritten Aufzug, zwischen Glitzerfummel und Wasserfall. Aber wenn das schon die kritische Überdosis Evakostüm ist, müssten sämtliche Bühnen Europas, alle Kinos und vor allem die Fernsehanstalten aus Sicherheitsgründen schließen. Auch der totalverhüllte Tschador-Auftritt der Blumenmädchen im zweiten Aufzug ist alles andere als eine islamkritische Provokation. Die Damen bewegen sich, wie das Bühnenbild von Gisbert Jäkel detailfreudig blaugekachelt zeigt, im öffentlichen Badebereich eines luxuriösen arabischen Hamam. Was, beim Barte des Propheten, hätten sie sonst anziehen sollen?

          Im Übrigen herrscht auf der Bühne manchmal, selten, Syrienkrieg, erkennbar an den Bombenlöchern im Dach des Gralstempels sowie daran, dass alle dreiviertel Stunde drei oder vier Statisten im Kampfanzug mit entsicherter MP und dem Rücken zur Wand das Terrain aufklären. Und manchmal, öfters, herrscht Rückzug auf Restauration und Ratlosigkeit. Es ist ganz erstaunlich, was dem Regisseur Laufenberg, der sonst als ein souveräner Theaterpraktikus bekannt ist mit einem guten Händchen für Personenführung, diesmal alles nicht eingefallen ist. Und die paar guten dramaturgischen Ideen opferte er selbst zwischen Skylla und Charybdis, sie werden zerquetscht zwischen Pseudoaktualität und handgeschnitzter Oberammergau-Konvention.

          Beifall von falscher Seite

          Für die Festspiele in Bayreuth ist das nicht nur viel zu wenig. Diese katastrophale, blauäugig dekorative Nicht-Auseinandersetzung mit diesem heiklen Stoff, an diesem auratischen Ort, ist ein Skandal. Und: ein klägliches Versagen. Hier hatte zuletzt Stefan Herheim virtuos einen dreidimensionalen „Parsifal“ in Szene gesetzt, der im Hause Wahnfried spielte. Die Familiengeschichte des Wagnerclans wurde mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der philosophisch aufgeladenen Heilsgeschichte der „Parsifal“-Handlung, darin ein einfacher Naturbursche eine verrottete männerbündlerische Sekte aus ihren Irrtümern erlöst, kunstvoll übereinander kopiert. Zuvor hatte Christof Schlingensiefs Inszenierung die soziale und politische Inkompetenz der Weltreligionen in den Nebel des Ego-Mythos getaucht, wobei diese „Parsifal“-Lesart bis heute fälschlicherweise nur des österlich sich auflösenden Hasen-Videos halber zitiert wird.

          Laufenbergs Lesart fällt krachend hinter diesen Stand der Reflexion zurück, vielleicht sogar bewusst, wer weiß; schließlich trug es ihm viel Beifall ein, womöglich von falscher Seite. Aber da der „Parsifal“ nun einmal das Herzstück der Bayreuther Festspiele sein muss, weil er das einzige „Kunstwerk der Zukunft“ ist, das speziell für die Akustik dieses Hauses komponiert wurde, deshalb fällt dieser Skandal der banalen Nicht-Auseinandersetzung letztlich auch auf die Festspielleitung zurück.

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