https://www.faz.net/-gs3-6k2rl

Bayreuther Festspiele : Diese Story ist eine Warnung an uns alle

  • Aktualisiert am

Im Bann der Überkonzentration auf das Eine: Hans Neuenfels in Bayreuth Bild: REUTERS

Wagner konnte der Geschmacklosigkeit eine Form geben: Im Interview spricht der Regisseur und Bayreuth-Debütant Hans Neuenfels über Orakel und Wahrheit, das Ende des Regietheaters und seinen „Lohengrin“.

          6 Min.

          Sie arbeiten zum ersten Mal hier in Bayreuth, Herr Neuenfels. Mögen Sie das Festspielhaus?

          Neuenfels: Es ist ein klug gebautes Haus, ein humanes Haus. Human für die Sicht und für den Klang. Ich sitze gerne drin. Man sitzt hart, aber man sitzt gut. Man sitzt hier notwendig.

          Wenn man Ihnen zuschaut bei den „Lohengrin“-Proben, stellt man fest: Sie bewegen sich wie ein Fisch im Wasser. Wie konnte das passieren, dass ein alter Querulant wie Sie ausgerechnet in Bayreuth so fröhlich und handzahm wird?

          Der Ort ist so mönchisch-bescheiden! Und ich finde, in der Besessenheit, die darin besteht, dass sich alles für ein paar Wochen nur und ausschließlich mit einem einzigen Komponisten beschäftigt, liegt ein hoher Reiz, in dieser Zeit, in der wir so wenig haben, an dem wir uns sonst stärken könnten. Bayreuth ist für mich eine Art Zuckerbrot, eine Kraftnahrungsquelle. Diese Überkonzentration, dieses Manisch-Beschwörende des Arbeitsklimas passt sehr gut zum Zustand der Musik.

          Bayreuths Raucherecke: Hans Neuenfels vor der Probebühne 1 mit Regieassistent Henry Arnold und Bühnenbildner Reinhard von der Thannen
          Bayreuths Raucherecke: Hans Neuenfels vor der Probebühne 1 mit Regieassistent Henry Arnold und Bühnenbildner Reinhard von der Thannen : Bild: Andreas Müller

          Was ist ideal in Bayreuth? Was könnte besser sein?

          Unser Arbeitsklima hier ist herzlich und fabelhaft. Die Wagner-Schwestern sind willens zum Aufbruch, das ist ja auch gut so. Sie machen sich auch Sorgen, dass ich zu viel rauche. Aber ich habe denen schon gesagt: Die Probenzeiten sind zu kurz. Fünfeinhalb Wochen sind einfach zu wenig, ich weiß nicht, wie die Kollegen das hinkriegen, ich jedenfalls werde davon überrannt, das geht bis an die Grenze der Tabletten- und Alkoholsucht. Ich habe hier schon Ärzte gebraucht, ich musste Cortison schlucken. Die Eindrücke sind so geballt, dass wir kaum die Zeit finden, das, was mit uns geschieht, zu reflektieren. Wenn ich anderswo inszeniere, liegen manchmal Tage zwischen den Proben. Hier sind es Stunden.

          Sie haben mit den „Meistersingern“ angefangen, dann den „Tannhäuser“ inszeniert, jetzt „Lohengrin“. Eine Oper voll mit Chiffren, Symbolen und mit fremdbestimmten Menschen, die alles falsch machen Es gibt eigentlich keine Figur in dem Stück, die einem ans Herz wachsen könnte ...

          Doch, die Elsa. Die tut mir wirklich leid. Sie hat sich etwas Unmögliches vorgenommen, und dann trifft sie auf diesen absoluten Weltrettungs-Typ, der ihr eine hirnrissig radikale Forderung stellt. Stellen Sie sich vor, dass Sie sich von einem anderen Menschen einfach ausfüllen lassen müssen, und Sie tun das freiwillig, vielleicht, weil Sie sich alleine etwas langweilig finden oder zu mickrig. Elsa ist wie ein Gefäß, das sich füllt mit einer anderen Substanz-Identität, einem anderen Plasma, in dem Gefühl, dass das eventuell besser ist als die eigene Mickrigkeit. Das ist doch herzerschütternd!

          Ihre Elsa wird von Annette Dasch gesungen. Diese Sängerin ist weder langweilig noch mickrig, und auf mich wirkt sie eher wie ein randvolles Gefäß.

          Ja, klar. Aber umso aufregender finde ich das. Daraus ergibt sich doch erst richtig eine Spannung. Und ich kann Ihnen verraten, die Dasch macht das ganz fabelhaft. Auch der Jonas Kaufmann ist blendend, er hat das Charisma, er ist ein großartiger Weltenretter. Mir gefällt es, dass beide Figuren total unmöglich sind. Denn im Musikalischen kommen sie uns doch zugleich sehr logisch und möglich vor!

          Bitte erklären Sie: Wie wird Unmögliches möglich durch Musik?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.