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Ein Muslim in Oberammergau : Ich trage meine Religion nicht vor mir her

Um einen Shakespeare für die junge Generation probend: Regisseur Abdullah Kenan Karaca im Oberammergauer Theaterzelt, mit Dima Schneider als Paris Bild: Jan Roeder

Viel Wirbel im Traditionstheater: Als erster Muslim wird Abdullah Kenan Karaca Spielleiter bei den Passionsspielen in Oberammergau. Dort inszeniert er jetzt schon mal Shakespeares „Romeo und Julia“.

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          Stellprobe im Theaterzelt, eine Woche vor der Premiere. Ein Hauch von frisch gedüngten Feldern zieht durchs Rund. Ein Bühnenarbeiter fegt mit einem Saalbesen Kiesel von der Bühne, sie klimpern mit hellem Klingeln auf den Schotter in der Arena. Aus dem Radio des Beleuchters dudelt Pop, ein nervöser Dackel kläfft im Dunkel. Regieassistent Mustafa raucht, trinkt Energielimonade und telefoniert – während „Romeo und Julia“ geprobt wird, erster Akt, dritte Szene. Graf Paris und Gräfin Capulet. Dima Schneider weiß nicht so recht, wie er auf- und abtreten soll, und den Text hat er auch noch nicht im Griff. Die als Ensemblemitglied des Münchner Volkstheaters bewährte Ursula Maria Burkhardt geht energischer zur Sache. Ein Heimspiel für sie als gebürtige Oberammergauerin. Paris ist sauer und kickt einen Stein von der Bühne. „Lass dir Zeit“, sagt der Regisseur, „sie muss dich einwickeln.“

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Oberammergau im Juli, das heißt nicht nur touristische Hochsaison, das heißt auch Sommertheater. Allzu lange währte sonst die Wartezeit auf die nur alle zehn Jahre gegebenen Passionsspiele in dieser ins Spielen vernarrten Gemeinde. Kürzlich hatte Verdis „Nabucco“ Premiere, diesen Donnerstag folgt „Romeo und Julia“. Regie führt ein Mann, der Aufsehen erregte, weil der Gemeinderat des fünftausend Einwohner zählenden Ortes zugestimmt hatte, ihn für die nächsten Passionsspiele als zweiten Spielleiter neben dem Langzeitintendanten Christian Stückl zu installieren. Abdullah Kenan Karaca ist Muslim, was für ein christliches Passionsspiel ungefähr so ungewöhnlich ist wie ein Bauantrag für eine Marienkapelle in Mekka. „I bin da Abdullah, und do bin i dahoam?“ Ist es so einfach?

          Regisseur statt Germanistikprofessor

          Bei der Beantwortung dieser Frage stößt man zunächst auf den sehr wesentlichen Umstand, dass der 1989 in Garmisch-Partenkirchen geborene Karaca in Oberammergau aufgewachsen ist, ein Hiesiger, wenn auch mit türkischem Pass. Den deutschen Ausweis hat er nicht, weil die Einwanderungsbehörde in München entschied, sein bayerisches Abitur genüge nicht als Nachweis. Den ihm abverlangten Sprachtest zu absolvieren war Karaca, der akzentfrei Deutsch spricht, dann doch zu deppert: „Ein bayerisches Abitur, das müsste doch eigentlich reichen.“

          Der Regisseur mit der Mutter und dem zugedachten Ehemann Julias: Abdullah Kenan Karaca mit Dima Schneider (Paris) und Ursula Burkhart (Lady Capulet) bei den Proben Bilderstrecke

          Warum der Vater sich als Gastarbeiter ausgerechnet in Oberammergau niedergelassen hat und nicht in München, hat der Sohn ihn oft gefragt. Immerhin brachte es der gelernte Werkzeugmacher hier vom Tellerwäscher zum Koch in der Nato-Schule, und wenn nicht zum Millionär, so doch zum Betreiber einer eigenen Gaststätte, bevor er vor acht Jahren wieder zurück in die Türkei ging. Er hatte Träume, die zu verwirklichen dann sein Sohn auserkoren wurde; aber er schlug die ihm vom Vater anempfohlene Ausbildung aus: Nach einem Jahr an der Universität Ankara brach er das Germanistikstudium ab, das ihn auf die Professorenlaufbahn vorbereiten sollte, wurde stattdessen Regieassistent von Intendant Christian Stückl am Münchner Volkstheater.

          Von der Bühne ins Atelier des Festspielhauses

          Er war dabei, als Stückl in Salzburg den „Jedermann“ mit Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr als Buhlschaft inszenierte; und doch wollte er etwas Eigenes erreichen. In der Regieklasse der Hamburger Hochschule für Musik und Theater fand er diese Herausforderung. Und eine neue Rolle: Als Bayer mit intimen Kenntnissen des Katholizismus ist er in Harvestehude wesentlich exotischer denn als Türke. Seine Abschlussarbeit wird er im nächsten Frühjahr in München inszenieren. Viel Stückl steckt also in diesem noch jungen Theaterleben, denn schon die Initiation hatte mit dem Oberammergauer Regisseur zu tun: Im Alter von acht, neun Jahren schaute der kleine Abdullah sehnsüchtig bei den Proben zu, der Einzug nach Jerusalem hatte es ihm angetan, er wollte unbedingt mitspielen. Der Vater war dagegen, Stückl überzeugte ihn. Und dann kam es zu jenem Theaterschlüsselereignis, das seinem Leben eine neue Richtung gab. Als er als Zehnjähriger auf der Bühne stand und – gegen die Regieanweisung – ins Publikum schaute, „da habe ich begriffen: Ich war ein Teil des Volkes, ein kleines Rädchen nur, aber ich war stolz.“

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