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Festspiele in Bergen : Zugeschaltet aus Island ist der Pianist

Dann eben per Video: Der Pianist Vikingur Ólafsson und das Bergener Philharmonische Orchester unter der Leitung von Edward Gardner Bild: Thor Brødreskift

Die Internationalen Festspiele in Bergen finden derzeit nur online ohne Publikum statt. Was aber tun sie, wenn auch auch der Solist für Edvard Griegs Klavierkonzert nicht anreisen kann?

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          Das größte Kapital der Internationalen Festspiele im norwegischen Bergen sind die authentischen Orte. Musik hören in den Landschaften, gar in den Häusern, in denen sie entstanden ist, kann man nicht überall auf der Welt. In und um Bergen gibt es nicht nur Meer und Gebirge, sondern Troldhaugen, Lysøen und Siljustøl, die ehemaligen Wohnhäuser der Komponisten Edvard Grieg, Ole Bull und Harald Sæverud. Sie sind Jahr für Jahr Orte für besonders intensive Begegnungen mit Musik, bei denen Licht, Luft und Erinnerungen das Hören einfärben.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesem Jahr können die Festspiele wegen der Covid-19-Pandemie nicht vor Publikum stattfinden. Aber der Intendant Anders Beyer hat recht kurzfristig ein Alternativprogramm organisiert, das zumindest Livestreams von sechzig Veranstaltungen umfasst. Damit seien die Festspiele in Bergen das erste und größte digitale Festival Norwegens, sagte Kronprinz Håkon in seiner Grußbotschaft zum Eröffnungskonzert. Abend für Abend kann man derzeit im Internet Theaterproduktionen und Konzerte sehen und dabei vor allem die Nachwuchsmusiker bestaunen, die als Teil des Programms „Crescendo“ vom Barratt-Due-Institut Oslo und den Festspielen in Bergen gefördert werden. Manche von ihnen sind seit mehreren Jahren dabei, so die Geigerin Sonoko Miriam Welde und der Bratscher Eivind Ringstad. Aber es stimmt auch wieder nachdenklich, dass solche klugen, hochkonzentrierten Musiker – die gerade im Klavierquintett von Robert Schumann mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes in der mittelalterlichen Håkonshalle zu erleben waren – auch nach mehrjähriger Förderzeit immer noch keinen echten Durchbruch außerhalb Norwegens erlebt haben. Dabei sind gegenwärtig junge Geigerinnen aus Norwegen – Vilde Frang, Eldbjørg Hemsing, Mari Samuelsen – besonders erfolgreich auf dem internationalen Markt.

          Traditionell steht das Klavierkonzert von Edvard Grieg – das Stück, mit dem Norwegen 1869 wirkungsvoll auf die musikalische Weltkarte gesetzt wurde – im Zentrum der Festspiele, die gleichwohl nicht nur Musik, sondern auch Theater und Tanz umfassen. In diesem Jahr konnte der Solist pandemiebedingt nicht zum Konzert anreisen. Der isländische Pianist Vikingur Ólafsson musste seinen Part in Harpa, dem modernen Konzertsaal von Reykjavík, spielen und wurde per Liveschaltung in die Grieghalle nach Bergen zum Bergener Philharmonischen Orchester übertragen. Der Chefdirigent Edward Gardner, der in seiner Umsicht und Behutsamkeit dem Orchester sehr gut tut, nachdem sein Vorgänger Andrew Litton doch zu arg auf Kraft und Wucht gesetzt hatte, musste Orchester und Solisten zusammenhalten.

          Es ist – wenn man es wohlwollend formulieren will – eine sehr lyrische, verinnerlichte Interpretation von Griegs Konzert geworden. Der Solo-Oboist des Orchesters hat im ersten, die Solo-Hornistin im zweiten Satz bewundernswert sensibel über den elektronischen Abstand hinweg auf den Solisten reagiert. Und Ólafsson ist beileibe kein langweiliger, vorhersehbarer Pianist, niemand, der alles auf ein Mittelmaß der Lautstärke dimmen oder die Lust an der Verzierung zu artig dem „formalen Zusammenhang“, wie es gern heißt, unterordnen würde. Aber es ließ sich nicht verkennen, dass der Kontakt zwischen Dirigent, Orchester und Solist weniger dicht war als sonst. Das Zusammenspiel hatte etwas Gebremstes, etwas von Risikovermeidung, einen Mangel an Spontaneität, die nur durch Vertrauen und Nähe erwachsen kann.

          Beachtlich immerhin, dass das Orchester spielt! In symphonischer Besetzung, mit reduzierten Streichern zwar, aber vollen Bläsern, ohne Plexiglasschirmung. Man kann hier, auf www.fib.no, schon mal studieren, wie Orchesterspiel in Zeiten von Corona aussehen könnte. Alle Konzerte, die noch bis zum 3. Juni fortgesetzt werden, sind dreißig Tage lang im Netz abrufbar.

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