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Festivalsommer : Was hör' ich draußen?

Die Festivalsaison beginnt. Dass man in alle Welt fährt, um Musik zu erleben, setzt die Hoffnung voraus, es gebe den wunderbaren Zusammenklang von Ton und Ort. Es gibt ihn auch: in Bergen zum Beispiel. In Salzburg indes muss man ihn suchen.

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          Wer Musik hört, taucht ein in unsichtbare Räume, durchwandert Landschaften der Erinnerung oder der Sehnsucht und verweilt vielleicht an Orten des Glücks: „Da, wo du nicht bist“, wie es im Gedicht „Der Wanderer“ von Georg Philipp Schmidt von Lübeck heißt. Franz Schubert hat es vertont. Doch auch die Landschaft, die wir sehen, leibhaftigen Auges, ist der Resonanzraum einer ganzen Kultur von Stimmungen. Die Alpen oder die Unendlichkeit des Meeres mussten wir vor gut zweihundert Jahren erst schönzugucken lernen. Hansjörg Küster hat uns in diesem Jahr wieder mit seinem zierlich-klugen Buch „Schöne Aussichten. Kleine Geschichte der Landschaft“ (siehe auch: Rezension: Hansjörg Küsters "Kleine Geschichte der Landschaft") daran erinnert.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Sommerfestivals jedoch suchen das Echo zwischen den Immersionsräumen des Ohres und jenen des Auges, wollen das Eintauchen in die Musik mit Landschaften des Glücks verbinden. Doch muss man, wenn überhaupt, dann Richard Wagner nicht am Meer hören? Das Kontinuum des Tons, die unendliche Melodie, der vollendete Mischklang des Orchesters, die ins Grenzenlose geweitete Harmonik wollen, „dass man ins Meer geht, allmählich den sicheren Schritt auf dem Grunde verliert und sich endlich dem wogenden Elemente auf Gnade und Ungnade übergibt: man soll schwimmen“.

          Dieser Aphorismus aus „Menschliches, Allzumenschliches“ von Friedrich Nietzsche enthält unausgesprochen die Einsicht, dass die fränkischen Berge um Bayreuth, wo nun wieder die Festspiele beginnen, keine adäquate Umgebung für diese Musik sind. Marcel Proust ließ seinen Erzähler in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schon in jugendlichem Alter die Überzeugung gewinnen, „dass die Werke, die ich hörte (das Vorspiel zu Lohengrin, die Tannhäuser-Ouvertüre und anderes), die höchsten Wahrheiten ausdrückten“ - beim Symphoniekonzert, morgens am Strand von Balbec in der Normandie. Und hier, auf der Promenade eines Seebades, zwischen „Toast mit Schinken und Käse sowie OEufs à la crème“ und dem Charme der Prinzessin von Luxemburg, „leicht auf ihren Sonnenschirm gestützt, was ihrer großen prachtvollen Erscheinung eine leichte Neigung gab und damit jene arabeskenhafte Linie, die so sehr erstrebt wurde von Frauen, welche unter dem Kaiserreich schön gewesen waren“, konnte die kulturpessimistische Gewalt von Wagners Musik ganz mild und leise zivilisiert werden.

          Wunderbare Zusammenklänge von Musik und Ort

          Es gibt diese wunderbaren Zusammenklänge von Musik und Ort bei einigen Festivals, diese glückliche Kumulation von Sinn. Die Festspiele im norwegischen Bergen, jedes Jahr im Mai und Juni, sind da besonders überwältigend. Wenn man in Edvard Griegs Villa auf Troldhaugen sitzt, umblüht vom Rhododendron, in einer hellen nordischen Sommernacht, die Luft erfüllt vom Gesang der Amseln, und dann einem Konzert im Musikzimmer des Hauses beiwohnt, wird man Teil einer Verwandlung: Die Musealität des Ortes und vielleicht auch die der Darbietung hebt sich selbst auf; der Belehrungs- und Präsentationsraum mit seiner ganzen Bedeutungsfülle wird zum Ereignis, das keine Distanz mehr zulässt. Wer hier hört, wird in einem unmittelbaren Lebenszusammenhang mit dem Werk kurzgeschlossen. In diesem Mai sang Dietrich Henschel, begleitet von Fritz Schwinghammer, Franz Schuberts Heine-Vertonung „Der Doppelgänger“. Bei den Worten „Der Mond zeigt mir meine eigene Gestalt“ stierte der Sänger über die Köpfe der Hörer hinweg an die Wand. Dort hing - ein Spiegel.

          Selbst-Erkenntnis und Kunst-Erkenntnis haben mit Freiheit von Verwertungszusammenhängen zu tun. Die Konzerte in der Grieg-Villa sind, bei bezahlbaren Eintrittspreisen, schlicht unrentabel: Vielleicht fünfzig Menschen finden hier gleichzeitig Platz. Da hat man auf Seiten des Veranstalters schon von vornherein den Wert nicht über den Preis definiert. Sommerfestivals haben ursprünglich mit der Erfindung der Freizeit und der Pause vom Erwerbsleben zu tun. Aber auch mit der Erfahrung, dass die etablierten Institute des Musiklebens keine adäquaten Wahrnehmungsbedingungen mehr für die Kunst bieten. „Die Großstadt ist der Ort der Zerstreuung, eine festliche Aufführung bedarf der Sammlung bei denen, die mitwirken, wie bei denen, die aufnehmen“, schrieb Hugo von Hofmannsthal 1919 über die Motive zur Gründung der Salzburger Festspiele.

          Aus sicherer Distanz sieht man: ein ideales Salzburg

          Sammlung in Salzburg zu finden und das noch im Sommer, dazu bedarf es inzwischen einiger Schlauheit und starker Nerven. „Ein Brunnen singt. / Die Wolken stehn / Im klaren Blau, die weißen, zarten. / Bedächtig stille Menschen gehn / Am Abend durch den alten Garten.“ Die Zeiten von Georg Trakls „Musik im Mirabell“ sind vorbei. Das Klappern von Gläsern und Tassen hört man heute dort und das Geschrei von Kindern samt ihren Erwachsenen, denen das Eis auf die Hosen kleckert. Bedächtige Stille ist das Geschenk für Frühaufsteher. Von sechs Uhr morgens an wird sie aus der Stadt vertrieben. Waren die klassischen Festivalorte einmal der Versuch, Suburbia zu Arkadien zu machen, also die Nachteile der Zivilisation zu kompensieren, ohne auf deren Vorteile zu verzichten, so sind Stätten wie Bayreuth und Salzburg inzwischen selbst in den Sog der Überbietungskultur hineingezogen worden. Sie müssen sich rechnen und Aufsehen erregen.

          Und doch: Wer über die Steingasse den Weg zur Imbergstiege findet und die steilen Stufen erklimmt, geneckt von der Kapuzinerkresse, die ihre roten Blüten über die Mauern wirft, wer an der Wohnung von Stefan Zweig und dem Kapuzinerkloster vorbei dann in den Hanggarten geht, wo der Holunder reift, der sieht - vom Berg herab - ein ideales Salzburg vor sich und kann, aus sicherer Distanz heraus, eintauchen in eine Musik der Sehnsucht.

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