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Festival von Avignon : In jeder Geschichte steckt ein Sprengsatz

  • -Aktualisiert am

Szene aus Wajdi Mouawads Stück „Küstengebiet” Bild: AFP

Explosionstheater: Das Festival in Avignon zeigt auf seiner Bühne im Papstpalast in einem Zwölf-Stunden-Marathon vier Stücke vom Krieg - und dass in jeder guten Geschichte eine Bombe versteckt ist.

          3 Min.

          Wer Geschichten erzählt, treibt in den Abstand, in die Vernunft oder in den Wahnsinn. Worte stehen für Taten, Berichte für Schläge, Kriege werden zum Grundrauschen von Sprache. Auf diesem Kampfplatz des Schilderns, wo Chronisten, Propagandisten, Phantasten miteinander wetteifern, hat das Theaterfestival Avignon in diesem Jahr seine Szene eröffnet.

          Die große Erzählung, die in den letzten Jahren auf dem Theater per Schnitttechnik entsorgt wurde, meldet sich fulminant zurück. „Während des Krieges legte ich Bomben“, schwärmt oben im Hof des Papstpalasts ein politischer Draufgänger beim Streifzug durchs kriegsverwüstete Land eines nicht näher benannten Orients. Nein, mehr als Bomben: Geschichten sollten fortan explodieren in den Köpfen der Leute, wird ihm geantwortet in Wajdi Mouawads Stück „Küstengebiet“. Der libanesisch-kanadische Autor, diesjähriger Ehrengast des Festivals, hat dieses Stück zusammen mit den auch in Deutschland vielgespielten „Verbrennungen“ und mit seinen „Wäldern“ als Trilogie in einer langen Nacht im Papstpalast selbst neu inszeniert. Über elf Stunden dauern die drei über Generationen und Kontinente gespannten Anläufe, in denen die Kinder im Zeichen von Gewalt, Schuld und verworrener Liebe mit ihren Ahnen leidenschaftliche Rechnungen begleichen.

          Ein großes Lautgedicht

          Wie durch eine räumliche und historische Distanz schon besänftigt, verliert sich dagegen draußen im Steinbruch von Boulbon die rauhe Stimme Jeanne Moreaus in einem zweitausend Jahre alten Text an den nackten Felswänden. „Ich, Josephus, Sohn des Matthias, Hebräer, geboren in Jerusalem, Priester und zuvor Kriegsführer gegen die Römer, heute in deren Gefolge, habe beschlossen, die Ereignisse so zu schildern, wie sie sich zutrugen“, hebt die auf einem Podest sitzende Erzählerin an.

          Rezitiert in Avignon „Kampf der Söhne des Lichtes gegen die Söhne der Finsternis”: Jeanne Moreau

          Der israelische Filmregisseur Amos Gitai hat den Bericht des Historikers Flavius Josephus über den „Jüdischen Krieg“, den er in früheren Jahren schon in Gibellina und Venedig zur Aufführung brachte, in Avignon als großes Lautgedicht neu bearbeitet. Zum Jahrtausendgesang von Stadtgründungen, Zerstörung und Wiederaufbau, den die Steinmetze hinten mit ihren Hämmern in die Stille des Nachthimmels meißeln, schildern die Erzählerin und fünf Darsteller in einer Mischung aus Aktion und Nacherzählung abwechselnd die historischen Ereignisse: Aufstand in Galiläa, Belagerung und Eroberung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 nach Christus.

          Im diabolischen Räderwerk des Bürgerkriegs

          Gezeigt wird große Geschichte ohne Heldengesang. Der stolze Ruf nach Freiheit oder Tod, mit dem die Juden vor dem Fall der Festung Massada sich zum kollektiven Selbstmord anspornen, kommt kleinlaut von einem Halbentschlossenen aus dem Staub. Für die Zurückhaltung des in römischen Diensten stehenden Juden Flavius Josephus braucht der Regisseur Gitai keine kostümierten Krieger, keine Pappfestungen, Rammböcke und Theaterblutlachen. Mit Anklängen an die politische Aktualität lässt er Gesang und Geschichte in der kalten Luft der historischen Fakten aufeinandertreffen.

          Nicht alle Geschichten streben aber nach historischer Größe. Die Figuren von Wajdi Mouawad sträuben sich geradezu dagegen. Sie wollen in ihren Einzelschicksalen bleiben. In „Küstengebiet“, dem ersten Teil der Trilogie, ist es das Schicksal des jungen Wilfrid, der seinen im Exil verstorbenen Vater auf dem Rücken durchs Land seiner Herkunft trägt, ohne den geringsten Grabplatz zu finden: Zu gesättigt ist die Heimaterde mit Leichen.

          „Verbrennungen“ zeigt die Geschichte einer Frau, die in ihrem Herkunftsland so tief ins diabolische Räderwerk von Bürgerkrieg und Vergewaltigung geriet, dass sie selbst im Exil noch ihren Kindern nur fünfhundert Stunden auf Tonband hinterlassenes Schweigen vermachen kann. Immer weniger gelingt es Mouawads Figuren im Fortgang der Handlung, sich aus den großen Geschichtsverläufen herauszuhalten.

          Die Zeitläufte springen federnd vor

          „Gewiss war der Fall der Berliner Mauer ein bedeutsames Ereignis, doch gehörte er nie zu meinem Leben“, ruft im letzten Stück „Wälder“ eine junge Frau, mit dem Messer fuchtelnd, an der Festtafel in die Runde. Ausgerechnet an jenem historischen Tag wollte sie ihren Freunden ihre Schwangerschaft mitteilen. Nicht nur das Ereignis des Mauerfalls, sondern auch die beiden Weltkriege, die Gaskammern und vieles mehr kommen ihr und ihren Vorfahren so weit in die Quere, bis das Stück in schierer Mutmaßung zerbröselt.

          Der einundvierzigjährige Mouawad, seit zwei Jahren Leiter des Théâtre Français am Centre National des Arts im kanadischen Ottawa, hat als Autor wie als Regisseur ein Gespür für weite Erzählbögen und szenische Bildhaftigkeit. Die Zeitläufte springen federnd vor und zurück, tragische Unabwendbarkeit kippt in Slapstick-Beliebigkeit, technokratische und archaische Kulturwelten schaukeln elegant gegeneinander, Antigone und Klytämnestra kullern unerwartet aus Sprechblasen.

          Versöhnlich unterm Plastikdach

          Die Waschung und Beisetzung von Wilfrids Vater im Meer, mit den Vorkriegs-Telefonbüchern des ganzen Landes um den Hals, gerät auf dem blauen Farbtuch zur Versenkung in einen uferlosen Buchstabenfriedhof. Der verlorene Sohn, zugleich Vergewaltiger seiner Mutter, bleibt im Stück „Verbrennungen“ ein monströser Fremdkörper der Sprachlosigkeit, der in kein Gruppenbild passt, huscht am Ende aber doch versöhnlich unters Plastikdach des Familienporträts.

          Mouawads szenische Bildrätsel schaukeln von der Allegorie ins Klischee und zurück. Im zweiten Festivalteil wird er in Avignon mit dem neuen Stück „Ciels“ (Himmel) seiner Trilogie eine Art Satyrspiel hinzufügen. Talentvoll hat er die großen und kleinen Geschichten auf die Bühne zurückgeholt. Nur läuft er Gefahr, sich von ihnen wegtragen zu lassen.

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