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Zwei Theaterpremieren : Anarchisches gegen achtsames Denken

Ihre Gesichter spiegeln das Trauma eines verlorenen Lebens: Szene aus „Leben und Zeit des Michael K“ nach dem gleichnamigen Roman von J.;. Coetzee Bild: David Young

Von Kapstadt bis Leipzig: Das Festival „Theater der Welt“ eröffnet mit einer fulminanten Coetzee-Adaption, in Leipzig schart Sandra Hüller in einer Performance ruppiges Grünzeug ums Lagerfeuer.

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          Die wunderbaren Nebeneffekte der andauernden hybriden Theatersituation bestehen darin, dass man seine Abende in Theatern an ganz unterschiedlichen Enden der Welt verbringen kann. Gestern saß man noch in Kapstadt, heute ist man schon in Leipzig. Und bekommt zu sehen, was die Theater der Welt an Stoffen und Wirkungen interessiert. Zur Eröffnung des gleichnamigen Festivals, das nach seiner Verschiebung in diesem Jahr vom Düsseldorfer Schauspielhaus ausgerichtet wird, wurde per Livestream ins Kapstädter Baxter Theatre geladen. Gerade rechtzeitig stand die Leitung, sodass man noch die freundlichen Ermahnungen einer Lautsprecherstimme ans dortige Publikum zum Abstandhalten und Handyausschalten mitbekam, dann erloschen die Lichter, und ein spektakulärer Theaterabend begann.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Spektakulär, weil Intendantin Lara Foot zusammen mit der vorzüglichen Handspring Puppet Company eine Adaption vorführte, die ihr Genre ernst nahm. Nämlich eine theatralische Aneignung des 1983 erschienenen Romans „Leben und Zeit des Michael K.“ von J.M. Coetzee zeigte, die nicht den Fehler beging, jegliche Unterschiede zwischen Prosa und Dramatik einzuebnen. Stattdessen markierte die Inszenierung durch ihre zentrale Idee, die Darstellerinnen und Darsteller zusammen mit Handpuppen auftreten und spielen zu lassen, dass sie die Eigenarten ihrer Vorlage ernst nahm und daraus eine selbständige Fantasie entwickelte. In einer Mischung aus Englisch, Afrikaans und Xhosa, mit deutschen Übertiteln und ausdrucksstarker Mimik auf den gerade nicht krampfhaft verborgenen Gesichtern der Puppenspieler, erzählte der Abend die Geschichte des Romanhelden Michael K., der – mit dem Makel einer Hasenscharte geboren – von seinen Mitmenschen gedemütigt und gequält wird. Als seine Mutter im Sterben liegt und zu ihrer heimatlichen Farm zurückkehren möchte, macht sich Michael in einem von fiktiven Bürgerkriegswirren erschütterten Land auf, um ihr den letzten Wunsch zu erfüllen. Während die Mutter noch auf der Reise stirbt, muss er weiter durch die gewalttätige Welt irren, sich wie ein moderner Schmerzensmann schlagen, erniedrigen und helfen lassen, bis er zurück nach Kapstadt kommt und – so die berühmte symbolistische Schlussszene – mit einem Teelöffel Wasser aus einem Brunnen schöpft.

          Ein zum Scheitern verurteiltes Leben

          In der sublimen Tradition britischer Regieführung baut Lara Foot zusammen mit ihrem Puppenspiel-Ensemble eindrückliche Bilder, lässt sich viel Zeit, um die Präzision bei der kollektiven Führung einer halb lebensgroßen Marionette wirken zu lassen. Zu dritt oder viert bewegen die Spieler jeweils eine Puppe, helfen ihr auf, stützen und stemmen sie, bis sie auf einmal selbständig zu werden scheint, ihnen herablassend den Kopf zuwendet, sich wegdreht, absetzt, frei wird. Das Schicksal jenes jungen Mannes, der durch die klaffende Entstellung in seinem Gesicht jede Zuneigung entbehrt und darüber all seine Hoffnung verliert, wird hier ohne Sozialromantik oder falsche Solidaritätsversprechen geschildert. Im Gegenteil zeigt die Inszenierung die Härte eines zum Scheitern verurteilten Lebens mit den einfachsten Mitteln – einem spartanischen Bühnenbild und einer Vielzahl abwechslungsreicher Erzählerstimmen.

          Die Perfektionierung des Unperfekten bekommt dabei eine paradigmatische Bedeutung: Gerade weil Michael K. als Puppe nicht als abhängige Marionette erscheint, muss sein Scheitern umso härter und ungerechter wirken. Coetzees elf Jahre vor dem Ende der Apartheid erschienener, vielfach ausgezeichneter, aber auch umstrittener Roman, der eine düstere Zukunft entwirft, in der die Rassentrennung in Südafrika andauert und Bürgerkrieg herrscht, wird an diesem Abend über die Weltmeere hinweg so dicht, so zeitgeistlos erzählt, dass man nichts anderes kann, als von dem schonungslosen Rundumschlag des Unglücks gebannt dazusitzen und auf eine bessere Welt zu hoffen.

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