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Festival „Tanz im August“ : Tanz ist schon okay, aber nur der kritische

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Eröffnungsstück des Berliner Festivals: „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly. Bild: Festival

Identität, Geschlecht, Rasse und Sex – das sind doch alles bürgerliche Kategorien: Das Festival „Tanz im August“ eröffnet mit Stücken, die ohne vorherige Lektüre nicht viel Bedeutung hergeben.

          3 Min.

          Die Postmoderne hat auch beim zeitgenössischen Tanz zu einigen mehr oder weniger eleganten ästhetisch-theoretischen Wendemanövern geführt. Dabei geriet die tänzerisch phrasierte Bewegung zwischendurch völlig aus dem Blick. Stattdessen schien es vielen Tänzern überzeugend, Konzept-Tanz zu machen, um die Tanzgeschichte oder die künstlerische Praxis der Gegenwart mehr zu kommentieren als fortzuschreiben.

          Nachdem eine ziemliche Menge sitzend, stehend oder liegend ausgeführter alltäglicher Handlungen vollzogen worden waren, wurde dann aber wieder Bewegung interessanter. Man entdeckte, dass in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter dem Titel „Postmoderne“ sowohl provozierende wie hinreißende und ungewöhnliche Tanzstile entwickelt worden waren. Es war wieder o.k. zu tanzen.

          Performance im Museum

          2017 ist das immer noch so. Es steigt allerdings die Zahl jener Choreographen, die das Tanzen in eher bildnerische Kontexte gestellt wissen möchten. Anstatt Kunstwerke zu ihren Bühnenbildern zu machen, wie Merce Cunningham etwa oder Trisha Brown das taten, sind ihre Werke selbst in Museen und Kunsthallen zu sehen.

          Da steht er nun: Serge Aime Coulibaly in seinem Stück „Kalakuta Republik“.

          Der in Deutschland bekannteste Vertreter dieser Ausstellungskünstler ist Tino Sehgal. Auf der diesjährigen Documenta wurde die Lebensgefährtin des Kurators Adam Szymczyk prominent präsentiert, die schweizerisch-griechische Alexandra Bachzetsis. „Private: Wear a mask when you talk to me“ heißt ihre Solo-Performance, die jetzt zum Eröffnungsprogramm des diesjährigen Festivals „Tanz im August“ gehörte.

          Mimische Regungslosigkeit

          Mit einer an Amy Winehouse erinnernden Frisur, deren einmal auf dem Kopf verschlungener und dann lang herunterhängender Pferdeschwanz sich später als falsch herausstellen wird, sitzt die Performerin an einem Tisch und schminkt sich nach, mit sehr resoluten Bewegungen. Was während der fünfzig Minuten des Solos auffällt, ist die hohe Muskelspannung, eine fast männlich wirkende Abruptheit aller Bewegungen, die sich selbst noch in Positionswechseln auf einem Stuhl oder am Boden manifestiert. Das Entschiedene, Durchtrainierte des körperlichen Agierens kommt zusammen mit einer absichtsvollen mimischen Regungslosigkeit.

          Festivalleiterin Virve Sutinen verweist immer wieder auf die Themen des Festivals: Gender, Identität, Rasse, Geschlecht und Differenz.

          Nach dem Schminken stellt sich Bachzetsis in einem hochgeschlossenen langen Latexkleid vor das Publikum und veranlasst einen Zuschauer, sie mit einem schlecht riechenden Spray einzusprühen, bis das Kleid glänzt. Nun beginnt sie, Posen einzunehmen, Yogaposen, Sexposen, Sportposen oder weniger eindeutige. Der Tanz, in den ihr Stück schließlich mündet, bevor sie zum Schluss ein griechisches Lied singt, erinnert an männliche Volkstänze Griechenlands.

          Große Ruhe, einstudiert

          Was sich vor allem überträgt, ist das große Selbstbewusstsein der Darstellerin. Wenn diese Ruhe nicht echt ist, so ist sie perfekt einstudiert. Eine Passage mit Motiven aus Werken Trisha Browns allerdings wirkt wie eine unfreiwillige Parodie. So lässig Browns Phrasierung ist, so sehr locker schwingende Arme und springende Füße in Turnschuhen ihren Stil prägen, so schwer ist es tänzerisch, diese Entspanntheit herzustellen.

          Wer nicht sehr hart trainiert und virtuos tanzt, lässt das sensible, leicht zu unterschätzende Vokabular banal und laienhaft aussehen. Aber das interessiert Bachzetsis und andere, die sich gleichsam nebenher mit der Postmoderne auseinandersetzen, gar nicht. Was sie interessiert, muss man wissen, um es zu erkennen, weshalb die Festivalleiterin Virve Sutinen und ihr Team nicht müde werden, seit drei Jahren die Themen ihrer Programmierung – Gender, Identität, Rasse, Geschlecht und Differenz – zu benennen.

          Irgendwie aber, so denkt man auch nach Lea Moros witzigem Gruppenstück „Fun!“, bleibt es dabei ganz unklar, was die einzelne Produktion nun aussagt zu diesen „Was bin ich?“-Fragen. Wer zu dem als sechsstündig angekündigten Performance-Spektakel „Laughing Hole“ der schweizerisch-spanischen Performance-Künstlerin La Ribot stößt, geht wiederum nach spätestens einer halben Stunde wieder. Es ist sonnenklar, dass hier auch vier Stunden später nichts anderes geschehen sein wird, als dass drei Frauen in Flipflops und Putzkitteln im Bühnenraum der Sophiensäle umhersausen und sich immer wieder lachend auf den Boden knallen.

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          Dabei umklammern sie beschriftete Pappschilder, die sie von der Erde aufgehoben haben und anschließend mit Klebeband an den Wänden anbringen. Es geht schlagworthaft irgendwie um Guantánamo. Die „performative Installation“ war erstmals 2006 auf der ART Basel gezeigt worden.Mehr als siebzig Zuschauer sind dabei nicht zur gleichen Zeit anzutreffen, vierzig Zuschauer waren es bei Bachzetsis. Dieses Verknappungskonzept gehört auch dazu. Es soll eine Art Museums- oder Galerie-Aufenthaltsgefühl erzeugt werden.

          Ohne die richtige Einstellung geht es nicht

          Regelrecht tanzgeladen, aber mindestens so erklärungsbedürftig wirkte das Eröffnungsstück des Festivals auf der Bühne des Hebbel-Theaters. Der aus Burkina Faso stammende Tänzer-Choreograph Serge Aimé Coulibaly verrät in seinem energiegeladenen Stück „Kalakuta Republik“ all denen, die nigerianische Zeitgeschichte und Musik und Leben des Afrobeat-Erfinders und politischen Aktivisten Fela Kuti nicht gut kennen, auch nicht viel darüber. Man sieht immer wieder schöne, virtuos und überraschungsvoll phrasierte Tänze und ist stellenweise hingerissen von der durch Jazz, Funk und afrikanische Rhytmen geprägten Musikcollage.

          Die Tänzer besitzen sehr viel Kraft, Präzision und Groove. Aber wenn die Frauen auf eine Kiste steigen und sich selbstvergessen in den Hüften wiegen oder auch, wenn sie auf den Schoß der Männer klettern, ist unklar, wie man das begreifen soll. Ist es sexuelle Ausbeutung oder die gute alte sexuelle Befreiung? Fast scheint es hier wie in allen Stücken, als werde vom Publikum erwartet, zu Vorstellungen ohne Narrativ und ohne klare Formen eine in Publikationen angelesene ideologische Einstellung zu addieren.

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