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„Music for Peace“ in Hiroshima : Wenn aus dem Schrecken Töne werden

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Hiroshima am 5. August 2019, dem Vorabend des 74. Jahrestages des ersten Atombombenabwurfs. Bild: AFP

In Zeiten neuer atomarer Aufrüstung will „Music for Peace“ in Hiroshima Allianzen für den Frieden schmieden. Daran beteiligen sich namhafte Musiker wie Krzysztof Penderecki, Martha Argerich und Steven Isserlis.

          Siebenmal wird in Hiroshima am 6. August, pünktlich um 8.15 Uhr, die Friedensglocke angeschlagen. Es ist der Moment, in dem 1945 ein amerikanischer Bomber über der Stadt die Atombombe ausklinkte. Innerhalb einer Sekunde starben Zehntausende, bis zum Jahresende wuchs die Zahl der Opfer auf rund hundertvierzigtausend an. Die Glockenschläge eröffnen die Gedenkzeremonie, zu der sich jährlich Überlebende und ihre Familien, ranghohe Offizielle, ein Großteil des diplomatischen Korps aus Tokio sowie Tausende von einfachen Bürgern im Friedenspark einfinden. Der Schweigeminute folgen Ansprachen des Bürgermeisters von Hiroshima und des Ministerpräsidenten, ein Taubenschwarm fliegt auf, zwei Kinder verlesen ein Friedensgelöbnis.

          Die kurze und würdevolle Zeremonie ist der medial weithin sichtbare Teil einer sorgfältig gepflegten Erinnerungskultur. Dazu gehört neben verschiedenen Gedenkstellen im Park und der als „Atombombenkuppel“ weltweit bekannten Ruine der ehemaligen Industrie- und Handelskammer vor allem das Friedens- und Gedenkmuseum. Es dokumentiert ebenso sachlich wie erschütternd den Tod und das massenhafte Leiden der Opfer und führt in einer vorbildlich gestalteten pädagogischen Abteilung das zerstörerische Potential der Bombe vor Augen.

          Die Tradition einer auf Abrüstung gerichteten Erinnerungskultur wird seit 2015 ergänzt durch die musikalische Initiative „Music for Peace“, in deren Zentrum das Symphonieorchester von Hiroshima steht. Am Vorabend des diesjährigen Gedenktages gab es nun unter der Leitung seines ständigen Gastdirigenten Christian Arming ein Konzert mit „Lied V“, einem neuen Werk für Cello und Orchester seines Composers in Residence Toshio Hosokawa, mit dem ersten Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch und der ersten Symphonie von Gustav Mahler. Hosokawa lässt die melodische Linie zu ausdrucksgeladenen Klangprozessen auswuchern, die den ganzen Tonraum ausfüllen – ein permanent unter Hochspannung stehender Energiestrom, der vom Solisten Steven Isserlis mit packender Intensität zur Entfaltung gebracht wurde und in den schattenreichen Geräuschfarben der Orchestertutti einen starken Widerhall fand. Das Orchester war für Isserlis ein ebenbürtiger Partner. Es gehört zu den japanischen Spitzenorchestern, ist reaktionsschnell und pflegt einen prickelnd transparenten Klang. Auffällig sind die brillante Bläsergruppe und der einheitliche, extrem flexible Streicherklang. Seine Qualitäten konnte das Orchester bei der abschließenden Mahler-Symphonie voll ausspielen, wobei es unter Armings inspirierender Leitung mit seinem Rubatospiel, den kleinen Schlenkern und Glissandi vor allem im langsamen Satz etwas Wiener Atmosphäre am fernen Pazifik heraufbeschwor.

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