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Theaterstück „Fernand Cortez“ : Den Spaniern ist nicht zu trauen

  • -Aktualisiert am

Helden in Blechrüstungen: Szene aus Gaspare Spontinis "Fernand Cortez" in Florenz Bild: Michele Monasta

Atemlos die Musik, doch brav die Inszenierung: In Florenz wird die Urfassung von Gaspare Spontinis großer historischer Oper „Fernand Cortez oder die Eroberung von Mexiko“ auf die Bühne gebracht.

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          Im ersten Akt tauschen die Anführer am Strand von Mexiko Geschenke. Der Mexikaner Telesco bringt Gold, Blumen und reizende Frauen, Cortez antwortet mit einem Degen. Das also sind die Geschenke Europas, vielleicht werden die Spanier sie eines Tages in unseren Händen wiedererkennen, ist Telascos bestürzte und zugleich stolze Antwort. Als Gaspare Spontinis Tragédie lyrique „Fernand Cortez oder die Eroberung von Mexiko“ im November 1809 in Paris uraufgeführt wurde, war Napoleons Spanien-Feldzug schon fast zwei Jahre mit wechselndem Erfolg im Gange. Noch einmal, nach der monströsen Ausstattungsoper „Der Triumph Trajans“ von 1807, sollte ein aufgeklärter Anführer oder Herrscher vorgeführt werden, der religiösen Fanatismus besiegt und Ordnung und Licht in eine barbarische, gewaltbereite Welt bringt.

          Deshalb wurde auch der furchtbare aztekische Oberpriester, der die Überläuferin und Cortez-Geliebte Amazily um jeden Preis opfern will, zur Gegenfigur. Der Herrscher Montezuma trat gar nicht auf. Das funktionierte hinten und vorne nicht, und der Feldzug gegen ein dumpf-katholisches Spanien, den das Werk ideologisch überhöhen sollte, erwies sich immer mehr als Desaster. Kein Wunder, dass das Werk nach vierundzwanzig Aufführungen 1812 abgesetzt wurde. In einer zweiten, durch Kürzungen und Umstellung ganzer Szenenkomplexe und Akte stark veränderten Fassung aber blieb es für Jahrzehnte präsent, in Paris bis 1844, in Berlin (in einer vierten Fassung) sogar bis ans Jahrhundertende. 1951 erschien sie in Neapel wieder, dann in Venedig, Turin und Erfurt. Die Erstfassung aber blieb eine Legende, bis sich nun genau fünfhundert Jahre nach Cortez' Landung an der mexikanischen Küste das Theater des Florentiner Maggio musicale an das gewaltige Werk machte, tatsächlich ungekürzt.

          Welch ein Futter fürs Regietheater hätte diese erste große historische Oper mit all ihren Ambivalenzen werden können. Schon der Librettist, der liberale Klassizist Étienne de Jouy, hatte sie hellsichtig benannt. Müssten nicht alle Sympathien einem von zwei Seiten - von der eigenen Priesterkaste und von den Spaniern - bedrohten Volk gehören? Alles, was sich an postkolonialen und Kulturclash-Versatzstücken aufbieten lässt, hätte hier zum Einsatz kommen können - und das Werk hätte dann das Schicksal so mancher Inszenierungen der „Entführung aus dem Serail“ geteilt, in denen Mozarts Werk unterging. Aber wir befinden uns jenseits der Alpen, wo die Helden noch in Blechrüstungen auf die Bühne kommen dürfen, wo an der Rampe gesungen wird und wo allenfalls die Projektion einer Rahmenerzählung, in der auf die Geldgier der Spanier verwiesen wird, für einen Hauch von Reflexion sorgt (Inszenierung: Cecilia Ligorio).

          Zurück in eine andere Zeit

          Um einen dritten Standpunkt hätte es hier gehen müssen, auf den die außerordentliche Musik ständig verweist. Energisch und stolz, brillant, leidenschaftlich und graziös hat der Spontini-Enthusiast Berlioz diese Musik genannt. Sie drängt im beständigen Wechsel des Ausdrucks unaufhaltsam vorwärts, findet sich über schroffe, unerwartete Rückungen in entfernten Tonarten wieder, vollendet selten Kadenzen, treibt in teils atemlosen Märschen die Akteure vor sich her. Das große Duett von Cortez und Amazily in zweiten Akt, in dem sich die Stimmen emblematisch umschlingen, verdichtet sich zur Chiffre für das Unaufhaltbare: Jeder Ansatz zu einem selbstverlorenen Moment der Nähe wird durch gnadenlose Trompetenfanfaren konterkariert. Von einem das ganze Werk bestimmenden „impeto ardente“ spricht Anselm Gerhard im Programmheft. Und er weist zu Recht auf den Beethovenschen rhythmischen Furor etwa der 7. Sinfonie hin.

          Das ist es: Das Werk reflektiert die fundamentale, verstörende Beschleunigungserfahrung der Zeit um 1800. Ganz Europa ist in Unruhe und Aufbruch, überall durchziehende Soldaten, Trommelwirbel und Kanonen. Nicht in der erzählten Geschichte liegt die Hauptbotschaft, sondern in der rastlosen Musik zu großen Tableaus, die tendenziell statisch sind. Das ist die Dialektik eines Werks, das für viele, vor allem für Rossini, Berlioz und Meyerbeer, zum Muster der Kunst wurde: Die Szene der meuternden Soldaten wird zum Gründungsstück aller künftigen Schwurszenen bis hin zur Schwerterweihe in Meyerbeers „Hugenotten“. Telascos Klage ums Heimatland, gesungen gleichzeitig mit dem Marsch der auf Tenochtitlan vorrückenden Spanier, wird zu Cassandres Klage ums verlorene Troja in Berlioz' „Die Trojaner“.

          An den Mitteln wurde in Florenz nicht gespart: ein präsentes Orchester, ein mächtiger (wenn auch nicht immer perfekt koordinierter) Chor, ein brillantes Ballett, das in Cortez' Feldlager und später im mörderischen Aztekentempel sehr viel zu tun hat, und - als Einspringer für Fabio Luisi, der aus politischen Gründen Florenz im Sommer den Rücken gekehrt hat - der Dirigent Jean-Luc Tingaud, ein ausgewiesener Spezialist für die französische Grand Opéra. Herausragend die Amazily von Alexia Voulgaridou: ein dramatischer Sopran mit einer wunderbar metallischen Mezzo-Tönung und großer dramatischer Gestaltungskraft. Daneben hielt vor allem Gianluca Margheri als Cortez' Freund Moralez mit seinem kernigen, gut fokussierten Bass das heroisch-passionierte Niveau.

          Die Titelrolle war mit Dario Schmuncks in der Höhe etwas engem, zum Forcieren gezwungenen Tenor insgesamt in ordentlichen Händen. Einen leider sehr schwachen Telesco sang Luca Lombardo, der seine Arien ohne jedes Verständnis für die französische Prosodie und ihre zu gestaltenden Spannungsbögen nur durchbuchstabierte, von Intonationsmängeln nicht zu reden. Damit fiel der große Gegenspieler der Spanier weitgehend aus. Das aber war der einzige wirkliche Schwachpunkt eines neugeschriebenen Stücks Musikgeschichte, dem jetzt nur noch ein subtilerer inszenatorischer Blick fehlt.

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