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„Leonora“ von Ferdinando Paër : Starkes Stück

  • -Aktualisiert am

Strahlkräftig, nobel, sensationell: Eleonora Bellocci als Leonora und Paolo Fanale als Florestano Bild: Brigitte Duftner

Wehrlosigkeit im Angesicht des Todes: Bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik wird Ferdinando Paërs Oper „Leonora“ zu einem brillanten Gesangsfest.

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          „Und glücklich kehrt ewiger Gesang zurück“ – aus gegebenem Anlass haben die Innsbrucker Festwochen Alter Musik dieses Motto über ihre jüngste Saison gestellt. In der Tat war es ein berührender Moment, als der Vorhang im Tiroler Landestheater zur Eröffnungspremiere hochging. Vorab hatte Betriebsdirektorin Eva Maria Sens für die behördliche Konzession gedankt, das Festival trotz Corona stattfinden zu lassen. Endlich dürfe „nach 152 Tagen Stille“ auf dieser Bühne wieder musiziert und gespielt werden. Ein ausgeklügeltes Präventionskonzept soll Mitwirkende ebenso wie das Publikum vor der Pandemie schützen. Maskenpflicht und Abstandsregeln gelten beim Aufsuchen und Verlassen der Plätze. Farben an den Eingängen markieren getrennte Wege dorthin. Im Schachbrettmuster ist jeder zweite Sitz in den Reihen gesperrt.

          Am ersten Abend der Festwochen ging diese Rechnung auf. Als Alessandro De Marchi auf die Bühne kam und den Einsatz zur Ouvertüre von Ferdinando Paërs Oper „Leonora“ gab, spürte wohl jede und jeder, wie schmerzlich man live gespielte Musik vermisst hatte. Vor zehn Jahren hat De Marchi die künstlerische Leitung der Festwochen von René Jacobs übernommen. Der von ihm gegründete Cesti-Wettbewerb ist mittlerweile eine wichtige Adresse für barocke Gesangskunst. Besonders stolz ist er jetzt, dass man in Innsbruck alle drei geplanten Musiktheaterproduktionen in adaptierter Form realisieren und damit sogar eine Oper mehr als Salzburg bieten kann. Nach Paërs „Leonora“ steht noch Alessandro Melanis frühes Don-Juan-Stück „L’empio punito“ als szenische Produktion auf dem Programm. Unter dem Titel „La pellegrina“ entführt außerdem eine konzertante Darbietung musikalischer Intermedien von Peri, Cavallieri, Marenzio, Caccini und anderen an den Renaissance-Hof der Medici.

          Suggestives Regiekonzept

          Paër wurde 1771 – ein Jahr nach Beethoven – in Parma geboren. Als gefragter Opernkomponist wirkte er in Neapel, Venedig, Wien und Dresden. Napoleon holte ihn nach Paris, wo er 1839 starb. Seine „Leonora“ wurde 1804 – ein Jahr vor Beethovens Erstvertonung desselben Stoffs – in Dresden uraufgeführt. Das Libretto von Giuseppe Maria Foppa basiert wie der „Fidelio“-Stoff auf einem französischen Textbuch von Jean-Nicolas Bouilly. Auch der Untertitel „L’amor conjugale“ („Die eheliche Liebe“) folgt dieser Vorlage. Dass die Innsbrucker Festwochen im Beethoven-Jahr mit Paërs Zweiakter eröffnet wurden, ist also kein Zufall. Als Gastspiel stand die Produktion auch bei den Schwetzinger Festspielen im Mai und beim Beethovenfest Bonn im September auf dem Programm. Beide Termine fielen der Pandemie zum Opfer. In Innsbruck ging der reizvolle Vergleich mit Beethovens „Fidelio“ eindeutig zugunsten von Paër aus. Bekanntlich war Beethoven auch nach drei Anläufen mit seinem „Sorgenkind“ unzufrieden und hat danach keine Oper mehr komponiert.

          Während sich Regisseure bis heute bei „Fidelio“ an den Brüchen zwischen heiterem Singspiel und heroischem Freiheitspathos die Zähne ausbeißen, müssten sie bei Paërs Version keinerlei dramaturgische Schwächen kompensieren. Alle Figuren und Handlungsstränge sind hier psychologisch und musikalisch triftig entwickelt, wie das bereits im September 2000 eine großartige Inszenierung mit dem damals noch unbekannten Jonas Kaufmann in Winterthur gezeigt hat. In Innsbruck wird das Stück ohne Bühnenbild und Kostüme, aber „mit szenischen Interaktionen“ präsentiert. Das Festwochenorchester sitzt oben auf der Bühne, die bei historischer Besetzung den gebotenen Abstand ermöglicht. Davor bleibt zudem ausreichend Platz für das Gesangsensemble. Mariame Cléments minimalistisches, höchst suggestives Regiekonzept profitiert von überzeugender, oft nur pantomimisch andeutender Personenführung, wobei sich die auf Covid-19 getesteten Protagonisten auch nahekommen dürfen. Gesungen wird großartig. Eleonora Bellocci beglaubigt ihre „Mission“ als Fedele alias Leonora gleich zu Beginn vokal souverän mit einer grandiosen Auftrittsarie. Breitbeinig steht sie später mit strahlkräftig aufdrehendem Sopran „ihren Mann“.

          Dynamisch wohldosierter Ariengesang

          Paolo Fanale entpuppt sich in der Rolle des Gefangenen Florestano als nobler Aktivist mit sensationellem, im Forte wie im Piano präsentem, in allen Registern wie flüssiges Gold tönendem Tenor. Eindrucksvoll gestaltet er seine Rezitative, führt sie traumhaft natürlich in perfekt gestützten, dynamisch wohldosierten Ariengesang über. Renato Girolamo charakterisiert Rocco als cholerisch aufbrausenden Typ mit Polterbass und weichem Herz. Marie Lys, die vor zwei Jahren den Cesti-Wettbewerb gewonnen hat, bezaubert als Marcellina mit mädchenhaftem Charme und klar leuchtendem Sopran. Bei ihr hat der testosteronsatt attackierende Bass Luigi De Donato als Liebhaber Gioachino zunächst wenig Chancen, kommt aber am Ende nicht ganz überraschend doch noch zum Zuge. Carlo Alemanno meistert die Tenorpartie Pizarros souverän, setzt beiläufig schauspielerische Akzente und zeigt schließlich als keineswegs schwarzweiß gezeichneter Unhold sogar einen Anflug von Reue, nachdem Kresimir Spicer als Minister seinen voluminösen Tenor versöhnlich geltend macht.

          De Marchi präsentiert das Stück erstmals nach der historisch-kritischen Neuedition der Dresdner Uraufführungspartitur. Chiara Cattani assistiert vom Hammerklavier aus und gibt den Sängern auch soufflierend Einsätze. Schon die Ouvertüre zeigt mit wilden Querschlägen auf unbetonten Taktzeiten, kühnen Modulationen, abrupten Rückungen, dass Paër sich auch auf aufwühlende Dramatik verstanden hat. Seine Domäne war jedoch der kantable, oft brillante, immer theatergerecht eingesetzte Gesang. Als Fedele, nach ihrem Pistolencoup von Rocco entwaffnet, allein mit ihrem Gatten im Kerker zurückbleibt, artikuliert ihr ergreifendes Duett blanke Wehrlosigkeit im Angesicht des Todes. Aber auch den Buffa-Strang des Stücks hat Paër nicht vergessen. Nur so kann er zuletzt sein ganz eigenes „Alle Menschen werden Brüder“ in einem grandiosen Gesangsfest anstimmen lassen.

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