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Schirach-Aufführung in Miami : Freispruch für die Bomberpilotin

  • -Aktualisiert am

Unbewegt und distanziert: Mia Maestro als angeklagte Pilotin in Ferdinand von Schirachs „Terror“ in Miami Beach Bild: Manny Hernandez

Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ feiert am Colony Theatre in Miami Beach seine amerikanische Erstaufführung. Dabei werden einige inhaltliche Anpassungen nötig.

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          Ende Januar in Florida. In Miami Beach sind Tausende auf die Straße gegangen, um auch an diesem milden Abend ihren ungebrochenen Vergnügungswillen zu demonstrieren. Ein paar junge Männer verteilen Handzettel mit der Aufschrift „Guilty“. Sehr zornig wirken sie nicht. Sie stehen vor dem Colony Theatre. Hier findet statt, was nicht oft passiert: die amerikanische Erstaufführung eines deutschen Theaterstücks. Vor einem Jahr wurde Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ in Deutschland uraufgeführt (6. Februar 2016), von zahlreichen Bühnen nachgespielt und so heftig diskutiert, dass es offenbar auch in den Vereinigten Staaten nicht unbemerkt blieb.

          Das Theater liegt direkt an der Rambla von Miami Beach, Lincoln Road. Im Foyer hängt eine Tafel mit 164 Porträtfotos – sie zeigen die fiktiven Opfer des fiktiven Abschusses eines Linienflugzeugs, das ein Terrorist in ein vollbesetztes Stadion lenken wollte. Das Colony Theatre bietet ungefähr vierhundert Sitzplätze, die Bühne ist verhältnismäßig groß, das Szenarium eingeengt von Sitzreihen für Zuschauer rechts, links und dahinter. Auf der roten Rückwand leuchtet der amerikanische Wappenadler in Gold. Ein martialischer Cop fordert das Publikum auf, Platz zu nehmen, der Richtertisch steht mit Drehstuhl seitlich zum Auditorium, die Anklagebank wie der Zeugenstand frontal. „All rise!“ Auch das Publikum erhebt sich brav. Die Richterin tritt auf, wie die Staatsanwältin und der Verteidiger trägt sie Zivil. Die angeklagte Pilotin, in einer Uniform der Air Force, wird in Handschellen vorgeführt. Das Lösen der Metallfesseln durch den Polizisten ist alles, was an dramatischer Handlung vorgeführt wird. In Gerichtsdramen wird über Handlungen nur verhandelt, sie werden erörtert, geprüft und bewertet. Am Ende steht ein Urteil, das in diesem Fall das Publikum fällen soll. Die Inszenierung der amerikanischen Premiere des deutschen Erfolgsstücks der letzten Saison ist schmucklos wie die Ausstattung. Die Darsteller agieren demonstrativ minimalistisch, es gibt keine Lichtwechsel, kaum ein Sprecher hebt oder senkt die Stimme. Allein die Nebenklägerin, deren Ehemann zu den Opfern gehörte, zeigt Gefühle.

          Die Beschränkung auf das Nötigste ist gewagt

          Im Programmheft wird der Regisseur Gregory Mosher als zweifacher „Tony Award“-Gewinner und Theaterlegende präsentiert, der hier mit Schauspielern gearbeitet hat, von denen vier für ähnliche Preise zumindest nominiert waren. Wenn es ihm darum ging, das Mechanische der militärischen und juristischen Vorgänge zu betonen, ist das gelungen. Vor allem die Unbewegtheit, mit der die Angeklagte ihre Handlungsweise rechtfertigt und sich von deren Folgen distanziert, wirkt unmenschlich. Eine Frau in dieser sonst männlich besetzten Rolle zu sehen mag diese Wirkung verstärken.

          Gregg Weiner wird als Zeuge befragt: So richtig in Bewegung kommt das Stück auch jetzt nicht.

          Moshers Beschränkung auf das Nötigste ist gewagt und kann seine Ankündigung „It will be very, very intense“ nicht einlösen. Seine Idee, rund um das Szenarium Zuschauer zu plazieren, ist wenig hilfreich. Wenn er damit andeuten wollte, dass es sich hier um keinen üblichen Gerichtssaal handeln soll, sondern eher um ein Forum der öffentlichen Meinung im antiken Sinne, macht er es den Schauspielern, die sich so in alle Richtungen orientieren müssen, gewiss nicht einfacher. Auch die Rezensentin des „Miami Herald“ vermisst die Dramatik in diesem Gerichtssaal. Die Schuld gibt sie der Produktion, nicht dem Stück, dessen bezwingende Wirkung sie durch die Kälte der Inszenierung geschmälert sieht.

          Die Auszählung dauert nicht lange, das Urteil ist eindeutig

          Für die „Miami New Drama Company“ ist Schirachs Text nicht nur übersetzt, sondern auch amerikanischen Verhältnissen angepasst worden, lokale Bezüge machen das deutlich. Eine Richterin, die so mütterlich besorgt durch die Ermittlungen führt, dürfte ein Publikum, das an Court-Room-Filmen die adversarial angelegte amerikanische Prozessordnung schätzt, allerdings nicht gewohnt sein.

          Die Frage, um die es letztlich gehen wird, ist indes dieselbe wie auf deutschen Bühnen: Gibt es ein moralisches Recht, sich über Gesetze und Befehle hinwegzusetzen? In der kurzen Verhandlungspause wird darüber unaufgeregt diskutiert. Erst bei den Schlussplädoyers der Parteien zeigt das Publikum hörbare Reaktionen. Und als die Richterin die Zuschauerjury auffordert, einen der beiden Stimmzettel, die jeder mit dem Programmheft zusammen in Empfang genommen hat, abzugeben, zögert kaum einer. Die Auszählung dauert nicht lange, das Urteil ist eindeutig, gut siebzig Prozent stimmen mit: „Not guilty“. Das Publikum erhebt sich zum letzten Mal, um Applaus zu spenden.

          Der Präsident muss entscheiden

          In deutschen Theatern fiel das Ergebnis häufig knapper aus, im deutschen Fernsehen waren es dann 86,9 Prozent, die den des Mordes angeklagten Piloten freisprechen wollten. Sie billigten ihm damit das Recht zu, 164 Menschenleben zu opfern, um Zigtausende im Stadion zu retten. Das Urteil des Publikums bleibt in allen Ländern – mit Ausnahme Japans –, in denen „Terror“ bisher aufgeführt wurde, bedenklich: Dass patriotische Appelle wieder so gern gehört werden, macht es beinah wünschenswert, nicht allzu genau zu erfahren, wie die Leute denken, von denen man umgeben ist. Allzu rasch sind sie offenbar bereit, sich zur Verteidigung ihrer abendländischen Werte über alle rechtlichen Bedenken hinwegzusetzen und Mittel anzuwenden, die von keiner halbwegs zivilisierten Verfassung gedeckt werden.

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          Die amerikanische Verfassung sieht übrigens vor, dass über den Abschuss einer Passagiermaschine der „Commander in Chief“, in solchen Fällen der Präsident, entscheiden müsste. Kaum vorstellbar, dass der aktuelle auch nur eine Sekunde zögern würde, den finalen Befehl zu geben. Seine Einstellung zur Menschenwürde demonstriert er per Einreisebann. In Florida regnet es zur Strafe den ganzen Sonntag.

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