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Schirachs „Gott“ in Düsseldorf : Karlsruhe hat gesprochen

Was alle angeht, muss von allen entschieden werden, nach Vorgaben aus Karlsruhe: Judith Bohle spielt die Vorsitzende des Ethikrates. Bild: Sandra Then

Die Rechtslage ist geklärt, was folgt daraus jetzt für die Ethik? So lautet die Frage von Ferdinand von Schirachs Mitmachdrama „Gott“. Auch die Antworten bezieht das Stück vom Bundesverfassungsgericht.

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          Das demokratische Mitmachtheater, das der Schriftsteller Ferdinand von Schirach erfunden hat, mit Abstimmung des Publikums am Schluss, läuft im zweiten Versuch auf die Wiederherstellung des deutschen Obrigkeitsstaats hinaus. Oben thront das Bundesverfassungsgericht. Sein Wort ist maßgeblich in allen Zweifelsfällen, und zwar nicht nur in Rechtsfällen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Titel des Stücks ist „Gott“. Für diese Wahl dürften zunächst Gründe der Markenpflege maßgeblich gewesen sein. Nach „Terror“ musste ein neuer Ein-Wort-Titel her. „Gott“: Na, das knallt aber wieder gewaltig! Man kennt diesen plakativen Mono-Theismus aus der Mission von Evangelikalen und Salafisten; der Name des Allmächtigen verweist aber auch auf eine These des Stücks. Das Verbot des Suizids in der abendländischen moralischen Tradition, von dem im deutschen Recht zuletzt nur das Verbot der organisierten Suizidhilfe übrig geblieben war, soll seine Erklärung in der früheren sozialen Macht des Christentums finden.

          „Sie werden zugeben, dass Ihr Bekenntnis einen ganz bestimmten Glauben an einen ganz bestimmten Gott voraussetzt.“ Der katholische Bischof legt das Geständnis ab, das die Anwältin des Lebensmüden von ihm fordert, und in der Düsseldorfer Inszenierung von Robert Gerloff tut es Thomas Wittmann mit dem selig verzerrten Lächeln des ertappten Sünders. Die Inquisition hat ihr Ziel erreicht, Cathleen Baumann hat sich lange genug zum Zeichen ihres unbedingten Aufklärungswillens mit beiden Händen auf den Tisch gestützt und darf nach fast zwei Stunden endlich die aus fünfhundert Gerichtsfilmen bekannte erlösende Formel sprechen: „Keine weiteren Fragen.“

          Die Leitsätze sollen auch im Alltag gelten

          Im Ethikrat geht es zu wie bei Gericht. Das Stück sollte besser „Karlsruhe“ heißen, denn das Bundesverfassungsgericht ist hier die unsichtbare Instanz, die alles so herrlich regiert – und zwar gerade dadurch, dass sie den Bürger in die Freiheit entlässt. Welchen Gebrauch die Bürger von der Freiheit machen, soll wiederum nach Karlsruher Maßstäben bewertet werden. Die wenig subtile Lenkung der Meinungsbildung in „Gott“ setzt diesen ganz bestimmten Glauben an ein ganz bestimmtes Verfassungsgericht voraus – nur dass dem Juristen Schirach mutmaßlich gar nicht bewusst ist, dass er beziehungsweise sein Stellvertreter auf der Bühne, der tüchtige Rechtsbeistand des Todeskandidaten, als Apostel dieses Glaubens auftritt.

          „Terror“ spielte einen Fall durch, auf den die Strafgerichte sich einstellen müssen, seit das Bundesverfassungsgericht das Luftsicherheitsgesetz für verfassungswidrig erklärt hat. Es ging es um die Folgeprobleme, die ein Karlsruher Urteil im Rechtssystem erzeugt. Auch mit der im Februar vom Zweiten Senat verkündeten Entscheidung, dass das Grundgesetz kein Verbot „geschäftsmäßiger“ Suizidhilfe erlaubt, erzeugte das Gericht Stoff für Folgeentscheidungen, die Schirach, der Meister des Erzählens nach Schema, nun wieder durch Probeabstimmungen simulieren lässt. Der Unterschied: Diesmal soll es um die ethischen Entscheidungen gehen, die durch die Klärung der Rechtslage akut geworden sind. Die dramatische Konstellation setzt also die Unterscheidung von Recht und Moral voraus, doch in der Wechselrede aus dem Lehrbuch der Bioethik wird keine Idee vom Sinn dieser Unterscheidung herauspräpariert.

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