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Schirachs „Gott“ in Düsseldorf : Karlsruhe hat gesprochen

Die Anwältin verkündet: „Unser oberstes Gericht hat so entschieden.“ Hinter dem unbedingten Individualismus des Urteils, so wird suggeriert, dürfen auch die Regeln nicht zurückbleiben, die Berufsstände oder auch einzelne Menschen, die mit dem Wunsch nach Sterbehilfe konfrontiert werden können, sich für das eigene Handeln geben sollten. Alle drei Sachverständige sind Pappkameraden, aber im Vergleich mit der Rechtsprofessorin werden der Bischof und der Vertreter der Bundesärztekammer unfair behandelt. Das Ethos, auf das sie sich berufen, wird als Standesdünkel entlarvt und durch den Nachweis des historischen Wandels amtlicher Verlautbarungen diskreditiert.

Freiheit ist eine Unterstellung

Dem juristischen Denken bleibt dieser Blick von außen erspart, obgleich zumal die Rolle von Juristen in der Biopolitik des Nationalsozialismus genug Stoff für die Frage nach Verirrungen des Korpsgeistes bietet. So kommt nicht zur Sprache, dass die Unbedingtheit der Freiheitsunterstellung im Karlsruher Urteil eine Prämisse des juristischen Denkens ist, die weder als ethisches Ideal noch als erschöpfende Bestimmung des Menschen genommen werden muss. Ärzte und Priester haben es mit empirischen Menschen und also mit Bedingtheiten zu tun.

Im Studium trainiert man die juristische Erkenntnis anhand von konstruierten Fällen. Das Papierene der Figuren von „Terror“ gehörte insofern zur Gattung. Im Streit um das Luftsicherheitsgesetz lautete die moralphilosophische Frage, ob Leben gezählt und gegeneinander aufgerechnet werden dürfen. Die Freiheit zum Sterben wird im Namen des einzelnen Menschen gefordert, der sich nicht vertreten lassen will. Im säkularen Staat soll er auch nicht stellvertretend leiden, nicht den Tod hinausschieben müssen, damit die Norm des Lebensschutzes im Interesse aller gewahrt bleibt. Schirachs Mustermensch tritt als ein radikaler Einzelner in diesem Sinne auf, als Einsamer aus Prinzip. Er wehrt sich auch gegen die Bühne, die ihm bereitet wird, möchte eigentlich nicht in eigener Sache plädieren müssen.

In Düsseldorf spielt diesen Richard Gärtner Wolfgang Reinbacher, der schon zum Ensemble gehörte, als das Gebäude des Schauspielhauses noch nicht stand: Karl Heinz Stroux engagierte ihn 1960. Dem Textbuch fügt die Düsseldorfer Fassung eine durch die Pandemie motivierte Variante der Versuchsanordnung hinzu: Der achtundsiebzigjährige Witwer habe nicht persönlich zur Sitzung des Ethikrats anreisen können, wird eingangs mitgeteilt, und werde deshalb per Video zugeschaltet. Riesengroß erscheint er auf dem durchsichtigen Vorhang wie ein Gespenst, als hätte er seinen Willen zu bekommen. So bekommen der christliche Gott und das Bundesverfassungsgericht Konkurrenz durch den einzelnen Menschen, der die oberste Autorität in der von ihm eingerichteten sittlichen Welt ist, solange er den Willen anderer Menschen nicht nötigt.

Es bleibt aber unklar, ob das Publikum über diesen einzelnen Fall abstimmt oder über alle gleichartigen Fälle solcher Art. Richard Gärtner präsentiert sich als einen Menschen, der von der Welt, von der Politik, von der Kirche und vom Recht in Ruhe gelassen werden will, aber er trägt diese Selbstbeschreibung als politische Botschaft vor. Der Freitod als Probe auf die Freiheit: Ein Moment des Schauspielerischen hätte dieser Vortrag auch dann, wenn wir nicht im Theater säßen.

Die Anwältin zitiert Umfragewerte, die das Zahlenverhältnis der Düsseldorfer Abstimmung vorwegnehmen. Der Ärztevertreter, der sich von den Umfragen nicht bestimmen lassen will, wird daran erinnert, dass bei der Urteilsverkündung in Karlsruhe die Zuschauer klatschten. Die Reproduktion dieses Applauses ist die Absicht des Stücks.

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