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Festival der Komponistinnen : Lieber gefürchtet als brav

  • -Aktualisiert am

Die Komponistin Rebecca Saunders fragt sich, ob wir gerade nicht ein wenig zu brav zuhause sitzen. Bild: dpa

Fanny Hensel hätte die Hoffnung nicht verloren: Bei der Feminale der Musik diskutieren Komponistinnen und Wissenschaftler über vergessene Genies. Und fragen sich, ob uns etwas mehr Mut in der jetzigen Lage nicht guttäte.

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          Über die Komponistin Fanny Hensel, die ältere Schwester eines weidlich bekannten Musikers aus dem neunzehnten Jahrhundert, erzählt man sich, sie sei für ihre Kreativität und Wärme geliebt, aber für ihren glühenden Intellekt und ihren Unmut gegenüber Dilettantismus gefürchtet worden. In dieser zutiefst unweiblichen Disposition verfasste sie Klavierwerke, ein Oratorium, eine Ouvertüre für Orchester, erfand mit ihrem Bruder die Gattung „Lied ohne Worte“, brachte ihre Familie durch die Cholera und schrieb, nachdem sie überstanden war, die „Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie“.

          Als sie mit einundvierzig Jahren starb, lagen insgesamt fünfhundert Kompositionen vor, die in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten weitgehend unbeachtet blieben. So war das: Entweder, man komponierte, und niemand außer den Mitbewohnern hörte je davon. Oder man ließ einen Mann die eigenen Werke veröffentlichen, gönnte ihm die Anerkennung und wurde unmittelbar nach seinem Tod wieder vergessen. Auf Fanny Hensel traf beides zu. Immerhin: Heute hat sie fünf Twitteraccounts und eine eigene Website, ein brauchbarer Ausdruck später Anerkennung.

          Veränderung, sogar in der klassischen Musik

          In ihrer Zeit einflussreiche Komponistinnen gab es trotz aller Unerfreulichkeiten in Fülle, wie eine Initiative des Zentrums für Kunst und Medien gerade systematisch beschrieben hat. Vier Wochen lang haben sich da Künstler, Kenner und Karlsruher Kompositionsstudenten, vornehmlich Frauen, zur Feminale der Musik getroffen und im Livestream über den Einfluss von Komponistinnen auf ein halbes Jahrtausend Musikgeschichte gesprochen. Man kann es sich noch ansehen, es geht um das musikalische Erbe Clara Schumanns und Maria Rosa Coccias, die mit dem jungen Mozart verglichen (und dann vergessen) wurde. Und um die Gegenwart, die sich spürbar verändert habe, „sogar in der klassischen Musik“.

          Die Britin Rebecca Saunders, die in Berlin lebt und für Kompositionen bekannt ist, in denen es erst wie beim Boxen-Stopp auf einer Rennstrecke, dann wie an einem von Zikaden bevölkerten Flussbett klingen kann, saß da vor einer mit dicht beschriebenen Blättern behängten Wand und erzählte von dem Zauber der Uneindeutigkeit und der Versenkung beim Betrachten einer Musikerin, die ihr Cellostück „Solitude“ interpretiert. Sie sagte: „Komponieren ist nicht etwas, das man sich aussucht. Man muss das tun.“ Was erklären würde, warum sich immer noch so viele Frauen dafür entscheiden. Gefragt nach der Arbeit im Berliner Lockdown sagte sie, ihr fehle die Gemeinschaft und die aus ihr erwachsende Kultur: „Ich mache mir Sorgen, dass wir alle gerade ein bisschen zu brav sind.“ Alle lachten, aber sie meinte es Ernst. Und wer könnte das besser einschätzen als eine in der langen Tradition Fanny Hensels.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

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