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Faust-Ausstellung : Die Scham des Zauberers vor der Wirklichkeit

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So sah „Faust I“ 1987 an den Münchener Kammerspielen aus, Regie: Dieter Dorn, Bühne: Jürgen Rose. Bild: Deutsches Theatermuseum München

Wie Goethes „Faust“ die Bühnen der Theaterwelt eroberte: Im Deutschen Theatermuseum in München ist es in einer beeindruckenden Ausstellung zu besichtigen.

          Wenn eigentlich alles gesagt ist, kann man immer noch Goethe zitieren. „Goethe hätte sich geschämt“, rief der SPD-Politiker Mahmut Özdemir vergangenen Freitagvormittag am Schluss seiner leidenschaftlichen Rede vor dem versammelten Kulturausschusses im Bundestag, er hätte sich geschämt, Deutsch – so wie es die AfD und auch Teile der CDU/CSU fordern – als Landessprache in der Verfassung festzuschreiben, denn er hätte gesagt: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“

          Der wohlklingende Aphorismus findet sich in Goethes 1833 erschienenen „Maximen und Reflexionen“ und eignet sich tatsächlich hervorragend als Motto für Völkerverständigung und kulturellen Austausch. Andere seiner Sätze tun das weniger: In Goethes 1808 erstmals veröffentlichten und erst zwanzig Jahre später auf die Bühne gebrachten „Faust I“ provoziert Mephistopheles seinen Seelenverkäufer auf einem Spaziergang mit der Bemerkung, dass die Kirche korrupt und geldgierig sei: „Die Kirch allein kann ungerechtes Gut verdauen“, sagt er, woraufhin Faust bitter entgegnet: „Das ist ein allgemeiner Brauch, ein Jud und König kann es auch.“ Dass diese antisemitische Passage nach dem Holocaust nicht mehr tragbar sei, wurde im Laufe der Aufführungsgeschichte immer wieder festgestellt. Während Max Reinhardt, selber Jude, 1933 noch daran festhielt, strichen beispielsweise Claus Peymann und sein Dramaturg Hermann Beil 1977 die Zeile aus ihrer Stuttgarter „Faust“-Fassung.

          Das Drehbühnenmodell zu „Faust I“ 1909 am Deutschen Theater in Berlin (Rekonstruktion), Regie: Max Reinhardt, Bühne: Alfred Roller.

          Während im 19. Jahrhundert von Seiten der Zensur vor allem gegen die religionskritischen und erotischen Provokationen des Stücks vorgegangen und etwa der Walpurgisnacht-Traum als sittenverderbend gewertet wurde, achtete man im 20. Jahrhundert vornehmlich auf die Einebnung judenfeindlicher Invektiven im „Faust“. Visuell nachverfolgen kann man die verschiedenen Textbearbeitungen jetzt im Eingangsbereich des Münchner Theatermuseums, wo soeben die Ausstellung „Faust-Welten – Goethes Drama auf der Bühne“ eröffnet wurde. Obwohl der Text, seine verschiedenen Fassungen, Neben- und Hauptfiguren hier den Anfang machen, steht hauptsächlich die Bühne im Zentrum der konzentriert kuratierten Schau. Es geht also vor allem um die Frage, wie man Goethes überbordend-weitschweifendes Werk seit 1875 bis heute räumlich gefasst und inszeniert hat.

          Die rasanten Ortswechsel des Dramas, von enger Studierstube ins Harzgebirge, von düsterer Hexenküche hin zum gleißenden Himmelszelt, stellt eine ungeheure Herausforderung an das Bühnenbild dar. Allein Faust I spielt an achtundzwanzig verschiedenen Orten, in Faust II wechselt dreiundzwanzig Mal die Szenerie – kein Wunder, dass früh Zweifel aufkamen, ob das Stück überhaupt bühnentauglich sei oder nur als Lesedrama tauge. Goethe, der in Weimar selbst zwei Jahrzehnte lang ein Theater leitete, kannte die technologische Beschränktheit des zeitgenössischen Theaters gut. Fast könnte man vermuten, er habe den „Faust“ nur deshalb geschrieben, um gegen die bühnentechnischen Konventionen seiner Zeit aufzubegehren und die Gewerke zur Innovation anzustiften.

          Gelungen ist ihm das zunächst nicht. Von der ersten privaten Voraufführung einzelner „Faust“-Szenen 1819 im Berliner Palais des Grafen Anton von Radziwill sind einige Motivzeichnungen erhalten, die sich noch ganz dem illusionistischen ABC der barocken Kulissenbühne verpflichtet zeigen: Bemalte Leinwände, viel Dekor, häufige Umbaupausen – so müssen die ersten „Faust“-Aufführungen, auch die deutsche Uraufführung 1829 in Braunschweig, ausgesehen haben.

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