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„Faust 1-3“ in Zürich : Zieht hier mal den Mann ab!

  • -Aktualisiert am

Gegen diese Frauen hat nicht einmal der Teufel eine Chance: Miriam Maertens als Geistin, Sarah Hostettler als Gretin und Franziska Walser als Faustin (von links) Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Und holt mir die Frauen aus dem Keller: Elfriede Jelinek mischt sich unter Goethe. Daraus wird „Faust 1-3“, uraufgeführt im Schauspielhaus Zürich - als Geschlechterkabarett.

          Man muss sich entscheiden: oben bleiben - oder in den Keller unter der Bühne gehen. Oben spielen sie „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe, vorgetragen von zwei Schauspielern im Smoking. Unten im Keller, im schallgedämpften „Musikzimmer“ des Schauspielhauses Zürich, spielen sie „FaustIn and out“ von Elfriede Jelinek, vorgetragen von drei Schauspielerinnen, einer „Faustin“, einer „Geistin“ und einer „Gretin“. Oben sieht man hie und da Videoeinspielungen von unten. Zur Hälfte der Aufführungszeit steigt der halbnackte Faust-Spieler Edgar Selge, angetan mit roter Unterhose, weißer Fliege und einer großen Axt, hinunter in den Keller, befiehlt den dort sitzenden Zuschauern („Jetzt ist hier Schluss!“), sich bereitliegende Mäntel anzuziehen, und kommandiert sie, sanft mit der Axt nachhelfend, samt den drei Schauspielerinnen auf die Bühne, auf der man sie, sanft mit der Axt nachgeholfen, in Reih und Glied sich aufstellen lässt, bevor sie gnädig in den Zuschauerraum entlassen werden.

          So habe ich die gesamte Kollegenschaft der Wiener Theaterkritik und ein paar übereifrige Vertreter bundesdeutscher Provenienz ihren ersten, großen Mitmachauftritt auf der Zürcher Bühne absolvieren sehen. Und der Kollege von der Wiener „Presse“ zückte dort sogar sein Notizbuch, vom Schauspieler Selge sofort missbilligend quittiert. Ich bin von vornherein oben geblieben (mir sind Theaterkeller so suspekt wie Tiefbahnhöfe). Und sah bis zu diesem Moment: ein Primärdrama. Von Goethe. Ein Weltgedicht. In Schnipseln aus der Tragödie erstem und Andeutungsschnipselchen aus der Tragödie zweitem Teil. Heruntergestuft auf ein Zwei-Männer-Kabarett. In Pingpongtechnik. Zitate-Hin-und-Her, gut gekleidet. Witzig bis zynisch. Mehr nicht. Wer im Keller war, sah beziehungsweise hörte: ein Sekundärdrama. Von Elfriede Jelinek. Teile einer Textfläche von etwa achtzig engbeschriebenen Seiten, in denen die Wort-Ergießerin und Kalauer-Speierin in unaufhörlicher Tirade drei Frauen in drei Andeutungsrollen von den Qualen und Martern eines von ihrem Vater jahrzehntelang im Keller festgehaltenen, gefolterten und vergewaltigten Mädchens, eines Abgrund-Gretchens von heute erzählen lässt.

          „Mach doch mal das mit der Medizin!“

          Die Jelinek, die in ihrem letzten Stück „Winterreise“ das Schicksal der eingeschlossenen Natascha Kampusch auswertete, nimmt sich jetzt des Falles Fritzl aus dem österreichischen Ort Amstetten an, lässt den Vater, Teufel und Gott und einzige Verbindung zu einer Welt, die keine ist, sich in der Tochter „absamen“, die gezeugten Kinder im Ofen verbrennen, das Heideggersche Sein mit dem Dasein im Keller höhnisch vermischen und auf Philosophie pfeifen („Mein Innen gehört Papa“, „Ich bedeute nichts“, „Ich komme sogar noch hinter dem Hund, der vor mir essen darf“). Gretchen, zum Opfer geschaffen von ihrem Gottvater, der Menschen schafft nach seinem perversen Bilde: „Er duldet nur mich, indem er mich nicht duldet.“

          Da Elfriede Jelinek den eigentlich unsagbaren Schrecken dieser realen Horrorexistenz, die vierundzwanzig Jahre im Keller aushalten musste, bei aller wortverkettenden Geläufigkeit weniger beschwätzt, mehr staunend zum Sagen zu bringen versucht, ist ihr Text ja doch ein Primärdrama. Etwas Eigenes. Das als Beilage keinen Goethe braucht. Die Gretchen-Anspielungen (samt „Ich möchte zu gern wissen, wer heut’ mein Herr gewesen ist“ und „Rechtsdoktor und Linksdoktor“ und Celan-Abwandlungen à la „Dein goldenes Haar, Margarethe“) erklären sich mühelos von selbst. Man möchte „FaustIn und out“, womöglich Jelineks bisher stärksten, unverschwiemelsten und berührendsten Text, ganz für sich sehen. Auf einer großen Bühne. Als Wut-Etüde auf ein Frauenschicksal, das eine ganze, eigene Welt umfasst - und die Vernichtung dieser Welt, die mit verbrannten Babys geheizt wird.

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