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Fassbinder in München : Liebesscherbentänzer im Aquarium

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Liebeskriegerin zwischen Flaschen: Bibiana Beglau als Petra von Kant in der Münchner Fassbinder-Inszenierung Bild: Hans Jörg Michel

Wer im Glashaus sitzt, darf ruhig mit Frauen werfen: Martin Kusej inszeniert „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder im Münchner Marstall.

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          Ein wunderbarer Abend eigentlich: Das Theater möchte was von der Kritik lernen. Wenn auch nur von der Filmkritik. Der große Filmkritiker Wilfried Wiegand nämlich, Redakteur und langjähriger Feuilletonchef dieser Zeitung, hatte schon 1974 in seinem Essay „Die Puppe in der Puppe. Beobachtungen zu Fassbinders Filmen“ grandios und schier unwiderlegbar festgestellt, dass Fassbinders Menschen wie hinter Glas in einem Gefängnis aus Konventionen und Vorschriften säßen: „Keinem der Helden Fassbinders gelingt es, die Scheibe zu zerschlagen, die ihn vom wirklichen Leben trennt.“ Und täte er es, würde sich auch nur wieder ein anderes Gefängnis vor ihm auftun.

          Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer dass ihm in München exakt dies zugefügt wird. Die Bühnenbildnerin Annette Murschetz und der Regisseur und Intendant Martin Kusej haben im Marstall des Staatsschauspiels ein großes Wiegandsches Glashaus errichten lassen, um dessen vier gleiche Seiten die Zuschauer gruppiert sind und den Schauspielern zugucken, wie sie ihre Zeit im Fassbinder-Knast hinbringen, der hier allerdings das Design eines grellweiß grundierten Aquariums aufweist, auf dessen Boden Hunderte leere oder teilweise höchstens viertelvolle Flaschen in strengen schmalen Reihen und Gliedern sich recken. So dass, wer hier auch nur ein bisschen wild agiert, bald unweigerlich über Scherben tanzt. Wenn das Licht ausgeht (und das tut es oft, man liebt hier den Blackout), schauen die Zuschauer auf die Scheiben wie in dunkle Spiegel, die ihnen ihre und ihrer Sitznachbarn Gesichter in peinlicher Nähe (ah, der bohrt jetzt gerade in der Nase!) zurückwerfen. Wir sollen also irgendwie auch gemeint sein. Und uns ins Fassbinders Glashaus spiegeln.

          In der Metapher frei, im Bühnenbild gefangen

          Man gibt „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, ein Theaterstück aus dem Jahr 1971, uraufgeführt bei der Frankfurter „Experimenta 4“, aus dem 1972 ein Film wurde (mit Margit Carstensen, Hanna Schygulla und Irm Hermann). Da war Fassbinder fünfundzwanzig und maß der bundesrepublikanischen Gesellschaft die sonst nicht eingestandenen Leidens- und Schmerzenstemperaturen, indem er ihr sein dramatisches Thermometer kalt, schnell und roh ins Seelenfleisch stieß und dessen eiseserhitzte Blutstropfen sammelte. Im Glashaus. Das eine metaphorische Vorstellung von Wilfried Wiegand ist. Die in München auch im Programmheft steht.

          Ausgehöhlter Überlebens- und Überliebenswillen in panisch zitternder Erstarrung: Sophie von Kessel als Marlene

          Nun ist aber die metaphorische Vorstellung eines Kritikers etwas Weiteres, Weltumfassenderes als ein Bühnenbild. In der Metapher sind Fassbinders Gestalten frei. Im Bühnenbild sind sie gefangen. Die Metapher spendiert ihnen ein Gedankenuniversum. Das Bühnenbild reduziert sie auf ein Zeichen. Der Zeichenfetischist Kusej, der zuletzt Schnitzlers „Weites Land“ in München auf ein Dschungelbühnenbild semi(idi)otisch reduzierte, lässt nun Fassbinders Figuren keine Chance, aus ihrem großen Zeichen in eine Wirklichkeit zu entkommen, die mehr wäre als ihr Text - und mehr als die Hunderte von leeren Flaschen, die genauso wie das Glashaus in Aquariumsform beliebig alles und nichts bedeuten können. Das leer getrunkene Leben so gut wie den Rausch der auf Flaschen gezogenen Liebe oder die Entsorgungslage des durchsichtigen Daseinsmülls. Oder auch einfach nur Schmock.

          Fassbinders Weiber, in die sexualneurotische Ritualkiste gesperrt

          Die Modedesignerin Petra von Kant wird abgöttisch geliebt von ihrer stummen, unterdrückten Dienerin und Zuarbeiterin Marlene. Das lässt Petra kalt. Denn Petra liebt abgöttisch: Karin, ein aus Australien von Petras Freundin Sidonie im Schlepptau hereingeschleustes Model. Karin nützt Petra aus, gibt sich ihr hin, schläft aber mit Männern und kehrt zu ihrem eigenen Mann zurück. Petra verzweifelt, rast, will sterben. Und als sie sich am Ende Marlene zuwendet, packt diese ihre Koffer und geht.

          In München hängt Marlene sich auf. Und Petra schubst die baumelnde Leiche leicht an und sagt: „Erzähl mir aus deinem Leben“. Schon zu Beginn hat Marlene über den Flaschen im Glashaus unter Stroboskopblitzen von der Decke gebaumelt, mit schwarzen Sadomaso-Riemen von Petra umschnürt. Wo Fassbinder ein schnelles, kalt-wild kolportiertes Desaster hinhaut, in dem die Liebe naturgemäß „kälter ist als der Tod“, ein Arrangement, das aber über die Kitsch- und Kolportagegrenze hinüberlinst in eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der den lebens- und liebesübersatthungrigen Menschen wenig mehr bleibt, als sich zu quälen, wo es aber um Geschäfte, Flugzeugverbindungen, Modekollektionen, also auch ganz handfeste reale Sachen geht - da sperrt Kusej Fassbinders Weiber gleich in eine gläserne sexualneurotische Ritualkiste.

          Sado-Maso-Inszenierung von leer getrunkenem Leben und auf Flaschen gezogener Liebe: Sophie von Kessel und Bibiana Beglau

          So ergibt sich ein rührend komischer Effekt. Das alte, sehr historische Stück von 1971 aus einer sehr vergangenen Zeit bekommt einen netten, sauberen Glasfensterplatz im Ewigkeitszug. Zwar bleiben die Zeichen halt eben: die Zeichen. Aber dann: die Frauen! In Kusejs Glashaus wird mit neueren Frauen nach Fassbinders alten Sentimentsspeckseiten geworfen. Bibiana Beglau als Petra von Kant: zuerst in einem unsäglichen Hüftmiederhöschen und Brustbinde, dann im langen, rückenfreien Schwarzen mit höchsten Plateau-High-Heels - eine Art Liebeskriegerin. Sie girrt mit rauher Stimme und lockt mit raubkatzengierigen Gesten. Ihren blutüberströmten Rücken, den sie über Scherben gewälzt hatte, präsentiert sie gleichsam als Opferaltar ihres Begehrens, das sie in rasender Reinheit, ungebrochen, himmelhoch schmerzend und zu Tode erregt auf das Objekt ihrer Begierde wirft, als müsse sie sich an den letzten Strohhalm klammern, den ihr das Leben noch hinzuhalten die sarkastische Laune hat. Wenn sie „Ich liebe!“ jammert, dann ist sie Medea, Penthesilea und „Lieschen Müller“-Ophelia in einer schön verrückten Person.

          Oberflächlich, aber mit brillanter Politur

          Das Glashaus wird belanglos vor dem Lebens- und Liebesscherbentanz dieser Knaller-Frau. Und Sophie von Kessel als stumme Marlene lässt in der panisch zitternden Erstarrung ihrer Unerfülltheit so viel an ausgehöhltem Überlebens- und Überliebenswillen ahnen, dass ihr Selbstmord hier wirklich konsequenter ist, als es nur ein Abgang (über Flaschen) wäre.

          Zynisch geiles Girlie-Gör: Andrea Wenzl als Karin

          Und wenn die junge Andrea Wenzl als Karin sich von Petra betatschen, beküssen und belesbeln lässt, dann hat ein ordinäres, gelangweiltes, auf Sentiment schmarotzend spekulierendes, zynisch geiles, lieblos berechnendes Girlie-Gör, das sich jeder Anmache spreizend als freibleibend aggressives Sonderangebot verkauft und ausschaut wie die flott begabte Nachwuchsausgabe einer Birgit Minichmayr, eine große Liebende am Schopf. An diesem packt Karin die Petra und schleift sie durch den Raum, auf den am Ende von der Decke Dutzende weiße Matratzen fallen, so dass die Damen weicher waten.

          Zu vermuten wäre ja doch gewesen, dass hinter all dem mehr steckte an Wirklichkeit und Gesellschaft. Da Kusej jedoch allen Mehrwert an die Flaschen und ans Glashaus delegiert, bleibt den Frauen nur die reine Oberfläche. Aber mit brillanter Politur. Dass Michaela Steiger als lederrockbewehrte rote Salonschlange Petra-Freundin Sidonie und die große, feine alte Elisabeth Schwarz als Petras Mutter in überwältigend schicker Weißhaarperücke und glanzvoll geschnittenem Hosenanzug die Farbtüpfelchen auf dem Weiber-Trara-Tableau bilden, steigert noch den Sidol-Glanz dieser gläsernen Frauenparty.

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