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Fassbinder in München : Liebesscherbentänzer im Aquarium

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In München hängt Marlene sich auf. Und Petra schubst die baumelnde Leiche leicht an und sagt: „Erzähl mir aus deinem Leben“. Schon zu Beginn hat Marlene über den Flaschen im Glashaus unter Stroboskopblitzen von der Decke gebaumelt, mit schwarzen Sadomaso-Riemen von Petra umschnürt. Wo Fassbinder ein schnelles, kalt-wild kolportiertes Desaster hinhaut, in dem die Liebe naturgemäß „kälter ist als der Tod“, ein Arrangement, das aber über die Kitsch- und Kolportagegrenze hinüberlinst in eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der den lebens- und liebesübersatthungrigen Menschen wenig mehr bleibt, als sich zu quälen, wo es aber um Geschäfte, Flugzeugverbindungen, Modekollektionen, also auch ganz handfeste reale Sachen geht - da sperrt Kusej Fassbinders Weiber gleich in eine gläserne sexualneurotische Ritualkiste.

Sado-Maso-Inszenierung von leer getrunkenem Leben und auf Flaschen gezogener Liebe: Sophie von Kessel und Bibiana Beglau

So ergibt sich ein rührend komischer Effekt. Das alte, sehr historische Stück von 1971 aus einer sehr vergangenen Zeit bekommt einen netten, sauberen Glasfensterplatz im Ewigkeitszug. Zwar bleiben die Zeichen halt eben: die Zeichen. Aber dann: die Frauen! In Kusejs Glashaus wird mit neueren Frauen nach Fassbinders alten Sentimentsspeckseiten geworfen. Bibiana Beglau als Petra von Kant: zuerst in einem unsäglichen Hüftmiederhöschen und Brustbinde, dann im langen, rückenfreien Schwarzen mit höchsten Plateau-High-Heels - eine Art Liebeskriegerin. Sie girrt mit rauher Stimme und lockt mit raubkatzengierigen Gesten. Ihren blutüberströmten Rücken, den sie über Scherben gewälzt hatte, präsentiert sie gleichsam als Opferaltar ihres Begehrens, das sie in rasender Reinheit, ungebrochen, himmelhoch schmerzend und zu Tode erregt auf das Objekt ihrer Begierde wirft, als müsse sie sich an den letzten Strohhalm klammern, den ihr das Leben noch hinzuhalten die sarkastische Laune hat. Wenn sie „Ich liebe!“ jammert, dann ist sie Medea, Penthesilea und „Lieschen Müller“-Ophelia in einer schön verrückten Person.

Oberflächlich, aber mit brillanter Politur

Das Glashaus wird belanglos vor dem Lebens- und Liebesscherbentanz dieser Knaller-Frau. Und Sophie von Kessel als stumme Marlene lässt in der panisch zitternden Erstarrung ihrer Unerfülltheit so viel an ausgehöhltem Überlebens- und Überliebenswillen ahnen, dass ihr Selbstmord hier wirklich konsequenter ist, als es nur ein Abgang (über Flaschen) wäre.

Zynisch geiles Girlie-Gör: Andrea Wenzl als Karin

Und wenn die junge Andrea Wenzl als Karin sich von Petra betatschen, beküssen und belesbeln lässt, dann hat ein ordinäres, gelangweiltes, auf Sentiment schmarotzend spekulierendes, zynisch geiles, lieblos berechnendes Girlie-Gör, das sich jeder Anmache spreizend als freibleibend aggressives Sonderangebot verkauft und ausschaut wie die flott begabte Nachwuchsausgabe einer Birgit Minichmayr, eine große Liebende am Schopf. An diesem packt Karin die Petra und schleift sie durch den Raum, auf den am Ende von der Decke Dutzende weiße Matratzen fallen, so dass die Damen weicher waten.

Zu vermuten wäre ja doch gewesen, dass hinter all dem mehr steckte an Wirklichkeit und Gesellschaft. Da Kusej jedoch allen Mehrwert an die Flaschen und ans Glashaus delegiert, bleibt den Frauen nur die reine Oberfläche. Aber mit brillanter Politur. Dass Michaela Steiger als lederrockbewehrte rote Salonschlange Petra-Freundin Sidonie und die große, feine alte Elisabeth Schwarz als Petras Mutter in überwältigend schicker Weißhaarperücke und glanzvoll geschnittenem Hosenanzug die Farbtüpfelchen auf dem Weiber-Trara-Tableau bilden, steigert noch den Sidol-Glanz dieser gläsernen Frauenparty.

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