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Fanny Ardant in Paris : Sie hat alles gesehen und alles vergessen

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Eine Frau, die weiß, dass man nicht an der Liebe stirbt: Die wunderbare Fanny Ardant Bild: Les Bouffes Parisiens

Sechzig Jahre nach der Ersterscheinung wird „Hiroshima mon amour“ von Marguerite Duras in Paris gezeigt. In der Hauptrolle Fanny Ardant, aus dem Off: Gérard Depardieu.

          So wie an diesem Abend muss es in den Pariser Theatern des 18. Jahrhunderts zugegangen sein. Damals, als die Frauen in ihren engen Korsetten im Sitzen kaum atmen konnten und sich mit einem Fächer Luft zu wedeln mussten. Heute, wo der fragwürdige meteorologische Wert der „gefühlten Temperatur“ sagenhafte fünfzig Grad in der Hauptstadt misst und die Luft auf den Straßen tatsächlich so warm ist wie die eines Föns, wird auf den Samtsesseln des nicht klimatisierten „Bouffes Parisien“ wieder ganz hektisch mit roten Pappvorhängen, die zur Eintrittskarte dazu gereicht wurden, gefächert.

          Depardieu aus dem Off

          Dass sich an diesem Abend überhaupt so viele Menschen ins Theater bewegt haben, liegt an drei oder besser gesagt vier Giganten der französischen Kultur: Alain Resnais, der Regisseur des Filmklassikers „Hiroshima mon amour“; Marguerite Duras, die das Oscar-nominierte Drehbuch dazu schrieb; Fanny Ardant, die hier den Text, genau sechzig Jahre nach seiner Erscheinung, für fünfzehn Vorstellungen auf die Bühne bringt. Und Gérard Depardieu, Ardant’s großer Freund, ihr, wie sie oft sagt, „Solarsystem“. Sehen kann man „Gérard“ zwar nicht, aber dafür hört man ihn: Er spielt aus dem Off, nur als Stimme, den Japaner, den Architekten aus Hiroshima, der das Stück, wie schon den Film mit dem berühmten ersten Satz eröffnet: „Du hast nichts gesehen in Hiroshima. Nichts.“ Woraufhin Ardant, noch im Dunkeln, mit ihrer schönen rauchigen Stimme antwortet: „Ich habe alles gesehen. Alles.“

          Unmögliche Liebe

          Bei Resnais sieht man an dieser Stelle, wo der Japaner der Französin erklärt, sie habe nichts gesehen, sie habe alles erfunden, sie könne nichts wissen über Hiroshima, weil das wofür Hiroshima seit 1945 steht nicht greifbar sei, Bilder aus dem Peace Memorial Museum: Man sieht den Atompilz, das Modell der zerstörten Stadt, geschmolzene Fahrräder, Bilder von verbrannten Körpern, schwarzes Haar, das „die Frauen“, so Duras, „am Morgen, beim Aufwachen komplett ausgefallen vorfanden“. Resnais schafft mit seinem Einstieg eine Überlappung zwischen dem Gedanken der Gegenwart und den Bildern der Vergangenheit und zieht damit sofort in den Fluss dieser Geschichte, in der es um Erinnern und Vergessen und die Liebe, natürlich die unmögliche, geht. Hier in Paris steht Fanny Ardant ganz allein in einem eleganten schwarzen Kleid auf einer leeren Bühne und raunt: „Wie auch du habe ich mit aller Kraft versucht, gegen das Vergessen anzukämpfen. Wie auch du habe ich vergessen.“

          Sie kennt ihre Duras

          Ardant und Duras, das ist eine lange Geschichte. Persönlich kennengelernt haben sich die beiden nie, dafür hat die Schauspielerin ihre Stücke und Romane aber umso häufiger gespielt: In den letzten Jahren konnte man sie in „Die Krankheit Tod“, „Ganze Tage in den Bäumen“, „La Musica 2“ und „Sommer 1980“ sehen, wenn man sie fragt was sie gerne spielen möchte, dann sage sie, so erzählt Ardant oft, fast immer: „Einen kleinen Text von Duras vielleicht...“ Sie kennt „ihrer Duras“ also und trotzdem wirkt ihre Interpretation an diesem Abend schräg.

          Dann ist es mir egal!

          Die Schönheit an „Hiroshima mon amour“, so wie an den meisten Texten der Autorin von „Der Liebhaber“, ist die Monotonie, die scheinbare Gleichgültigkeit, dieses „en passant“ mit dem sie Gigantisches sagt, mit dem sie dem Leser und Zuschauer Wahrheiten, wie die von Hiroshima, wie die der geschorenen Französinnen nach der Befreiung Frankreichs, entgegen schleudert. Der Text, der wie ein langes Gedicht funktioniert, bedarf in diesem Sinn kaum Theatralik und doch schleicht sie sich in dieser Inszenierung immer wieder ein. Da lässt der Regisseur Bertrand Marcos die arme Fanny Ardant um einen scheußlichen Louis-XVI-Sessel herumschleichen, ihn nachdenklich streicheln als ersetze er den nur stimmlich anwesenden Körper von Depardieu beziehungsweise des Japaners. Er lässt sie sich räkeln, knien, wieder aufstehen, rufen, ja fast schreien „Alors, je m’en fous!“ („Dann ist es mir egal!“), da wo Emmanuelle Riva, Resnais „Französin“, die Resignation damals lakonisch und dadurch so viel stärker ausdrückte.

          Er lässt sie schlicht zu viel spielen. Und überschüttet damit die Feinheit des Textes. Die Französin sei eine Frau, die weiß, dass man nicht aus Liebe stirbt, schrieb Marguerite Duras 1960 im Anhang des Drehbuchs: „Sie hatte in ihrem Leben eine herrliche Gelegenheit aus Liebe zu sterben. Sie ist nicht in Nevers gestorben.“ Es sei nicht die Tatsache von ihren Mitbürgern geschoren und wie ein Vieh durch die Straßen getrieben oder durch ihre Liebe zu einem Deutschen entehrt worden zu sein, die ihr Leben prägt, sondern „diese Niederlage: Sie ist nicht aus Liebe gestorben, an diesem 22. August 1944 an der Loire.“

          Standing Ovations

          Der Schmerz, diese Liebe, die allererste ihres Lebens, langsam zu vergessen, liegt so sehr in jeder Zeile, dass es keiner Akzente bedarf. Wobei: Ob nun wegen der Hitze, wegen Resnais, Duras, Depardieu oder der natürlich trotz allem bezaubernden Fanny Ardant, am Ende des Stückes lassen alle Zuschauer ihre Papp-Fächer fallen und bejubeln das Giganten-Treffen mit Standing Ovations.

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